Wettkampf: Deutlich schneller schwimmen mit dem Neoprenanzug

Bis zu 10 Sekunden schneller pro 100 Meter!

Die Freiwassersaison ist angebrochen und damit steigt die Anzahl der Wettkämpfe für Schwimmer und Triathleten. Nachdem nun auch bei bestimmten Bedingungen die Freiwasser-Spezialisten einen Neoprenanzug tragen dürfen bzw. müssen, wächst das Interesse an dem magischen Material, das bis zu 10 Sekunedn pro 100 Meter schneller machen kann.  Und da drängt sich in Schwimmer- wie in Triathletenkreisen immer wieder die Frage auf: muss ich beim Schwimmen mit dem  Neoprenanzug eigentlich meine Technik anpassen? Die Antwort lautet: ja!

Von Holger Lüning

Zunächst einmal soll die Gummihaut einem Auskühlen des Körpers entgegenwirken. Somit ist die originäre Funktion eines Neoprenanzugs die der Sicherheit. Die Eigenschaften des Anzugs verhelfen Schwimmern jedoch nicht nur dazu, die Körperkerntemperatur zu sichern. Vielmehr bringt das Material einen enormen Auftrieb des Sportlers im Wasser mit sich. Doch wie nutzt man diesen Effekt individuell am besten?

Wenn man von einer Sekunde auf die andere in eine Weltklasse-Wasserlage katapultiert wird, heißt es natürlich auch, auf diese Situation adäquat zu reagieren. Und diese Antwort kann grundsätzlich zwei Ausprägungen haben.

  1. Einsparung von Energie bei gleichbleibendem Tempo

Die spektakulär verbesserte Wasserlage verringert vor allem die Wasserwiderstände. Somit kann man eine vergleichbare Geschwindigkeit, die man in Badehose oder –anzug schwimmen kann, nun mit deutlich weniger Energie realisieren. In dem Fall kann das Bewegungsmuster ohne Veränderung bleiben. Jedoch kommt es nicht zu einer signifikanten Erhöhung des Schwimmtempos.

  1. Erhöhung der Geschwindigkeit durch Anpassung der Technik

Das Neoprenmaterial und die eingelassenen Luftbläschen sorgen für eine perfekte Wasserlage und somit einer deutlichen Reduzierung der Wasserwiderstände. Damit wird der Kraftaufwand reduziert. Ein deutlich höheres Tempo wird jedoch nur dann erzielt, wenn man auf diese Erleichterung mit einer höheren Zugfrequenz reagiert.

Was ist nun die bessere Methode? So zu schwimmen wie immer und lediglich Energie einzusparen oder die Technik auf die veränderte Situation anzupassen und damit ein hohes Tempo realisieren zu können? Besonders für Triathleten, die noch Radfahren und Laufen müssen, vielleicht keine leichte Entscheidung.

Dabei hilft Ihnen vielleicht ein Vergleich der Schwimmzeiten, um genau die Entscheidung zu fällen. In vielen Praxistests haben wir versucht, den möglichen Zugewinn an Geschwindigkeit zu messen. Auch wenn diese Tests keine wissenschaftlichen Kriterien erfüllen, so kann man im Mittel von einer Verbesserung des durchschnittlichen 100m-Tempos im Bereich von vier bis maximal zehn Sekunden in Extremfällen sprechen.

Die Chance: Frequenz-Erhöhung

Erstaunlicherweise profitierten dabei die technisch versierten und erfahrenen Schwimmer fast sogar mehr von der Auftriebswirkung des Neoprenanzugs als durchschnittliche Schwimmer. Sie konnten die gegeben Vorteile mittels eines Tricks besser für sich nutzen. Die verringerten Widerstände setzten sie, im Gegensatz zu vielen Triathlonschwimmern, nämlich in eine erhöhte Bewegungsfrequenz um. Technische Konstanz vorausgesetzt, führten die schnelleren Bewegungen zum klar höheren Schwimmtempo.

Im Vergleich dazu schwammen leistungsmäßig schwächere Schwimmer mit ihrer aus dem Training gewohnten Frequenz. Damit schonten sie zwar Kräfte, erzielten jedoch nur geringfügig schnellere Zeiten.

Bedeutet dies nun, dass man sich entweder oder zu entscheiden hat? Schneller schwimmen oder lieber Energie sparen?

Nein, denn zum Glück gibt es einen Mittelweg, der beide Vorteile vereint. Versuchen Sie einfach über ein paar Übungen im Becken genau die Frequenz zu finden, die einen guten Kompromiss darstellt. Denn besonders das übermäßige Gleiten könnte durchaus sogar dazu führen, dass Sie den Vorteil eines Neoprenanzugs gar nicht richtig nutzen können. Deshalb gilt: nehmen Sie die bessere Wasserlage als Vorteil an, um daraus zu ein höheres Tempo zu entwickeln.

Training im Neoprenanzug

Und so könnte das in der Praxis aussehen. Schwimmen Sie in einer Trainingseinheit folgende Serie zunächst in normaler Schwimmbekleidung:

8x50m konstantes Tempo ca. GA1 bis GA 1-2 mit 30 Sekunden Pause

Nehmen Sie Ihre Zeiten und zählen Sie die Züge pro Bahn

Schwimmen Sie dann ca. 200 Meter locker als aktive Pause. Ziehen Sie vor der nächsten Serie Ihren Neoprenanzug an und absolvieren Sie die genannte Serie exakt so wie vorher. Versuchen Sie dabei, die ersten vier 50m-Intervalle mit einer identischen Zuganzahl zu schwimmen wie ohne Anzug. Bei den Intervallen fünf bis acht erhöhen Sie die Bewegungsfrequenz leicht. Nun kann es passieren, dass Sie zwar gleich viel oder sogar weniger Züge für die 50m-Strecke benötigen. Gleichzeitig werden Sie aber auch deutlich schneller geschwommen sein. Das optimierte Ergebnis aus Zuganzahl und Zeiteinheit befähigt Sie in diesem Fall zu einem höheren Schwimmtempo. Das ist das Resultat der deutlich verbesserten Wasserlage. Damit haben Sie eine wichtige Erkenntnis gewonnen und sich Ihrem persönlichen Optimum angenähert. Wiederholen Sie diesen Test deshalb regelmäßig alle 14-21 Tage, um Sicherheit und Routine zu gewinnen.

Nun haben Sie einen guten Eindruck, welchen Gewinn an Geschwindigkeit sie realisieren können. Höchstwahrscheinlich wird er bei ca. zwei Sekunden pro 50 Meter liegen. Zusätzlich sollten Sie subjektiv Ihren Erschöpfungsgrad (ggf. auch Messung der Herzfrequenz) wahrnehmen und in Ihre Endbewertung einfließen lassen.

Denn nun geht es für Sie darum, Ihre persönliche Entscheidung zu treffen. Energie sparen oder schneller schwimmen. Nehmen Sie sich doch von beiden etwas – dann wird´s schnell und entspannt.

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