TECHNIK: Vorsicht beim Abschlagschwimmen

Abschlagschwimmen: manchmal zu viel des Guten?

Die Dosis macht das Gift, spricht der Volksmund. Gut gemeinte Dinge können in der falschen Dosierung im schlimmsten Fall genau das Gegenteil von dem bewirken, was man erreichen möchte. Könnte dies auch für eine der bekanntesten Technikübungen im Schwimmen, dem Abschlagschwimmen, gelten?

Rod Havriluk, Präsident der Swimming Technology Research Vereinigung, schreibt in einem Artikel für das World Swimming Magazine im vergangenen Jahr, dass das Abschlagschwimmen ein denkbar schlechtes Modell für einen technisch guten Schwimmstil wäre. Gerade weil viele Trainer und Schwimmer diese Übung sehr häufig durchführen, bestünde die Gefahr, das verlangsamte Zugmuster mit dem überbetont langen Liegenlassen des gestreckten Arms, in die normale Schwimmtechnik zu übernehmen. Und hier lauert eine hinterhältige Gefahr!

Index of Coordination (IdC)

Er begründet seine Annahme mit dem von Didier Chollet im Jahre 2003 entwickelten Modell des Index of Coordination (IdC) . Chollet beschreibt, dass es bei einem zu langen Warten des Zugbeginns zu einem Geschwindigkeitsabfall käme und der IdC deshalb im negativen Bereich läge. Der Versuch, übermäßig zu gleiten führe demzufolge immer zu einem Tempoabfall. Diese intrazyklische Temporeduzierung sei zwar kaum mit dem Auge wahrnehmbar aber klar messbar. Anzustreben sei jedoch eine möglichst ausgeglichene Antriebsleistung mit wenigen Tempounterschieden, also einer flach verlaufenden Geschwindigkeitskurve. Im Idealfall liegt der IdC dann bei Null, einige wenige Athleten würden sogar einen positiven IdC erzeugen, so der frühere Coach.

Nicht wegen sondern trotz?

Der Argumentation, dass einige Spitzenathleten wie beispielsweise Weltrekordler Sun Yang, mit einem negativen IdC Spitzenleistungen erbringen würden, entgegnet Havriluk, ebenfalls Präsident der Interanational Society of Swimming Coaching, dass diese Athleten nicht „wegen“ sondern „trotz“ eines negativen IdC so schnell schwimmen würden und über sehr spezifische Fähigkeiten verfügen würden. Sie sind nämlich in der Lage, den zwischenzeitlichen Tempoabfall der langen Gleitphase durch einen enorm effektiven Unterwasserzug wettzumachen. Des weiteren spielen andere Dinge wie körperliche Disposition, Kraft und andere Faktoren eine Rolle in der Betrachtung der Ausnahmeschwimmer, so der Wissenschaftler.

Doch was bedeutet das genau für die Praxis? Viel zu häufig wird der Fokus auf das Thema Gleiten gelegt. Dabei impliziert der Begriff des Gleitens, dass man seine Schwimmgeschwindigkeit aufrecht erhalten könne. Die Basis eines Gleitgefühls ist jedoch vielmehr das Produkt aus optimierten Widerstandskomponenten und der Erzeugung von Geschwindigkeit (siehe auch Artikel zum Wasserwiderstand > KLICK!). Die technische Übung des Abschlagschwimmens, die immer mit einem negativen IdC verbunden ist, könnte nun dazu führen, das lange Liegenlassen des Arms in der Streckposition zu übertreiben. Ist man nicht mehr in Lage, die Bewegungsfrequenz zu erhöhen und dabei zugleich weiterhin technisch einwandfrei zu schwimmen, droht auch in der Gesamtlage ein negativer IdC.

Nicht übertreiben

Halten Sie die Dosis deshalb in einem erträglichen Rahmen. Variieren Sie durchaus einmal die Intensitäten, indem Sie das Abschlagschwimmen einmal als Spurt, z.B. in der Form von 8x50m dabei die ersten 25m Abschlag-Spurt und die zweite Hälfte in normalen Kraul locker zu Ende schwimmend, absolvieren. Allein bei dieser Übung stellen Sie sehr schnell fest, wie stark die Reglementierung in Bezug auf die Frequenz ist. Achten Sie dabei vielmehr auf einen wirklich positiven sensomotorischen Aspekt. Schwimmen Sie diese Übung nämlich als Spurt, spüren Sie sehr deutlich, wie wichtig es ist, die Handbewegung in der Unterwasserphase zu beschleunigen. Am Ende kommt der Druck – nehmen Sie ihn an, um sich kraftvoll abzudrücken!


Von Holger Lüning

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