Warum der Schwimmstart so komplex ist

Schnellere Rennen mit besseren Wenden und Startsprüngen

99 Meter Unterwasser bei einem 200m-Rennen?

Sage und schreibe 99 Meter war Brustschwimmer Marco Koch bei seinem 200-Meter-Weltrekord, den er bei den deutschen Kurzbahn-Meisterschaften am 20.11.2016 schwamm, Unterwasser. Machen Sie es nach, mit besseren Starts und Wenden

Als Marco Koch in der neuen Weltrekordzeit von 2.00.44 Minuten anschlug, hatte er zwei Kunststücke vollbracht. Erstens, eine famose Zeit zu schwimmen und zweitens, so lange wie keiner seiner Mitbewerber unter der Wasseroberfläche zu verschwinden. Seiner ausgezeichneten Start- und Wendentechnik hat es der Darmstädter mit zu verdanken, dass er besonders auf der Kurzbahn die Referenz auf dieser Strecke darstellt. Denn: bei einem Start und insgesamt sieben Wenden kann sich eine Menge entscheiden. Auch bei Ihren Rennen.

Maximales Tempo nach jedem Abstoss

Sieht man sich im Detail einmal genau an, was bei den Abstoßmöglichkeiten so alles geschieht, wird deutlich, welche Chancen hinter diesen Rennanteilen stecken. Beginnt man mit dem Startsprung, wird bei der Beobachtung alleine sehr schnell klar, mit welch hohem Tempo der Schwimmer in das Wasser eintaucht. Tatsächlich erreicht kein Schwimmer der Welt ein solch hohes Tempo während des Schwimmens wie jenes, welches er direkt nach dem Eintauchen erreicht. Ist das Schwimmen demzufolge ein ständiger Kampf gegen den Abfall der Geschwindigkeit?

So könnte man es fast formulieren. Doch wie wäre es, die alternative Formulierung zu wählen und zu sagen: mit jedem Startsprung und jeder Wende habe ich die Chance, mein Schwimmtempo zu erhöhen! In dieser Formulierung stecken die Möglichkeiten verborgen, auf jedem Leistungs- oder Altersniveau nochmals die vermeintlichen Nebensächlichkeiten eines Rennens zu reflektieren und sich die Frage zu stellen, was individuell an Verbesserungspotenzial vorhanden ist.

Startest du schneller vom Block oder von der Wand?

Würden Sie beispielsweise ein Radrennen gegen Ihre Sportkameraden austragen und dürften dabei als einziger von einer kleinen Rampe starten, so wäre Ihnen der Startvorteil gewiss. Doch nicht nur das. Neben der höheren Anfangsbeschleunigung, wären Sie auch viel besser in der Lage, aus diesem höheren Starttempo eine weitere Tempoerhöhung vorzunehmen. Der Vorteil des Rampenstarts wäre folgerichtig viel weitreichender als es zunächst den Anschein hat.

Ein Startsprung im Schwimmen verfolgt einen ähnlichen Zweck. Kommen Sie besser und explosiver vom Startblock steigt die Eintauchgeschwindigkeit. Sind Sie dann in der Lage, mittels einer strömungsgünstigen Wasserlage und eines guten Übergangs in die ganze Lage, das Anfangstempo mitzunehmen, schwimmen Sie nicht nur die ersten zehn Meter schneller. Setzt man voraus, dass das Tempo zwar sukzessive abfällt, so werden Sie am Ende dennoch schneller sein, wenn die Anfangsgeschwindigkeit höher war. Das hört sich banal an, wird aber schnell vergessen, wenn man im Training Meter um Meter zurücklegt.

Wende gibt das Tempo zurück

Verdeutlichen Sie sich den Aspekt des Höchsttempos immer wieder und die Bedeutung des Starts wird auch im Training größer werden. Der Abdruck vom Block oder der Wand verleiht dem persönlichen Rennen viele Momente der Chancen – der genutzten wie der vertanen. Denn jeder Wandabstoß bringt Ihnen zuvor verlorenes Tempo kurzfristig wieder zurück. Mitunter, denkt man an die kraftraubenden 200-Meter-Strecken, ist eine Wende fast wie eine Rettung, um der Antriebsmuskulatur zumindest eine kurzfristige Chance auf Erholung zu verleihen.

Dabei ist die Wendentechnik nicht minder kompliziert als die Starttechnik. Und das vertrackte an der Sache? Je mehr Wenden Sie im Training in einem gemäßigt schnellen Ablauf absolvieren, und davon wird es einige geben, desto größer ist die Gefahr, sich einen routinierten, tendenziell etwas trägen Ablauf anzutrainieren. Und ganz schnell wendet man im Wettkampf so wie im Training. Bleiben Sie wachsam!

Start und Wende sind wichtige Rennkomponenten

Geben Sie diesen Rennabschnitten deshalb unbedingt die Aufmerksamkeit, die sie verdienen! Trainieren Sie regelmäßig sehr konzentriert und immer im angestrebten Wettkampftempo Starts und Wenden. Erzeugen Sie an den Abstoßpunkten die maximale Geschwindigkeit, um Ihre Schwimmgeschwindigkeit zu erhöhen. Ganz anders als in der schwimmerischen Bewegung sind hier Leistungskomponenten gefragt, die wahrscheinlich sonst eher nicht zu Ihrem Trainingsprogramm gehören. Vielleicht ändert sich das mit den folgenden Tipps und Hinweisen zu diesem Spezialtraining.

Explosivität ist das Stichwort. Zwar werden Sie entgegnen, dass man im Wasser auch explosiv agieren muss. Im Sinne der Definition der erforderlichen Leistungskomponenten sieht das aber anders aus. Denn zunächst ist jeder Sprung und jeder Abstoß eine Leistung, die innerhalb weniger Hundertstel- bis Zehntelsekunden erbracht wird. Diese kurzfristige, sehr hochintensive Anforderung bedarf eines speziellen Trainings.

Testen, testen und nochmals testen

Zwar können Sie am und im Becken die technischen Übergänge natürlich optimal trainieren. Entscheidend ist hier vor allem die Frage, was Sie aus der hohen Absprung- und Abstoßgeschwindigkeit für sich herausholen. Der Übergang nach der mehr oder weniger langen Tauchphase in die ganze Lage ist ein weiteres Kriterium, um das optimale Ergebnis zu erzielen.

Versuchen Sie deshalb verschiedene Techniken und lassen Sie sich immer dabei stoppen! Ohne die objektive Information in Form der gestoppten Zeit über eine zuvor festgelegte Strecke, sind die Versuche immer nur eine Annahme. In diesem Zusammenhang können Sie, besonders als Mastersschwimmer, auch überprüfen, ob die aktuellen Wendetechniken, wie Delfinkicks in der Unterwasserphase, überhaupt einen Vorteil für Sie bringen. Lernerfolg für Sie könnte in dem Fall sein: entweder zur alten Technik zurückkehren oder aber die neue Technik konzentriert zu üben.

Von Holger Lüning