Die 5 Olympischen Lehren, Teil 2/2

Olympia ist und bleibt das Maß aller Dinge

Welche Aspekte sind geblieben?

Olympia ist für den Sport die Innovationsschau, das Spektakel und das emotionale Wechselbad der Gefühle – eben alles in einem. In dieser Rückschau wollen wir fünf Aspekte benennen, die bei den Schwimmsport-Wettbewerben besonders auffallend oder ganz einfach überraschend waren.

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Tokio-Lehre 3: Das spezifische Endspurt-Verhalten

Dort, wo es auf den kurzen Strecken vor allem um die Höchstgeschwindigkeit geht und den möglichst geringen Abfall bis zum Anschlag, ist im Mittel- und Langstreckenbereich das taktische Verhalten, insbesondere das Haushalten der Energien, ein echter Erfolgsfaktor. Zu wissen, wie weit man gehen kann, um auch am Ende noch genügend Energien für ein knappes Finish zur Verfügung zu haben, ist eine der wesentlichen Aufgaben im Trainingsprozess. Schauen wir doch einmal in einige Endläufe.

Über 400 Meter Freistil der Frauen beispielsweise, war es Ariane Titmus, die die Goldmedaille gewann, und dies in einer beeindruckenden Art und Weise. Die Australierin hielt sich während des gesamten Rennens in der Welle der haushohen Favoritin Katie Ledecky, bis es auf die letzten beiden Bahnen ging. Dort konnte Titmus in 58.32 Sekunden gegenüber 59.25 Sekunden der Amerikanerin den entscheidenden Vorsprung herausschwimmen.

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Mit Wehmut erinnern wir uns an das 800-Meter-Freistil-Finale der Männer. Als Florian Wellbrock als Erster in die letzte Wende bei 750 Metern ging, sah alles nach einer sicheren Medaille für das deutsche Team aus. Doch dann ging dem Bremer im entscheidenden Moment die Puste aus. Mit einem fulminanten Endspurt von 26.39 Sekunden über die letzten 50 Meter und 54.98 Sekunden über die letzten 100 Meter war gegen Robert Finke (USA) kein Kraut gewachsen. Trotz der starken abschließenden 56.71 Sekunden reichte es für Wellbrock dann sogar nur noch zum vierten Platz.

Ein ähnliches Bild bot sich über 1.500 Meter Freistil. Auch hier gelang es dem US-Amerikaner Finke mit einem sensationellen letzten 100-Meter-Split von 54.38 Sekunden an allen Konkurrenten vorbeizufliegen, in 14:39.65 Olympiasieger zu werden und den deutschen Mitfavoriten auf den Bronzemedaillen-Rang zu schieben.

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Nicht nur im Spitzenbereich der Mittel- und Langstrecke ist es von Vorteil, sich eine hohe Grundschnelligkeit über das Training anzueignen. Auch in Ihrem Training sollten Trainingsformen zu Verbesserung der Sprintleistungen zu finden sein. Somit bereiten Sie sich nicht nur auf einen fulminanten Endspurt vor. Vielmehr können Sie Ihre Ausdauerleistung auch langfristig auf ein höheres Temponiveau hieven. Der lange Atem wird sich sicher bezahlt machen!

Tokio-Lehre 4: Flexibilität in der Renngestaltung

Sieht man sich die Rennverläufe der unterschiedlichen Strecken im Detail an, so stellt sich immer die Frage nach der besten Renntaktik. Dort wo es im Langstreckenbereich immer um eine Gratwanderung zwischen hohem Tempo und ausreichend Energien geht, kann man bis zur 400-Meter-Distanz kaum noch wesentliche Unterschiede in der Renngestaltung wahrnehmen. Zwar bestätigen Ausnahmen die Regel, doch in der Breite scheint sich, der enorm dichten Leistungsfähigkeit geschuldet, eine einheitliche Renneinteilung durchgesetzt zu haben. Kaum ein Athlet wird sich mehr durchsetzen können, wenn er auf der 200-Meter-Distanz dem Feld hinterher jagen muss.

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Dies sollte Ihnen den Anstoß geben, über Ihre Pacingstrategie nachzudenken. Schwimmen Sie womöglich etwas zu defensiv an? Trauen Sie sich doch einmal etwas mehr zu und gönnen Sie sich etwas Mut zum Risiko. Vielleicht nicht unbedingt gleich bei einem sehr wichtigen Rennen, doch Testwettkämpfe und wettkampfspezifisches Training sind das allerbeste Terrain, um verschiedene Taktiken und ihre Auswirkungen zu simulieren.

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Tokio-Lehre 5: Technik ist universell und doch individuell!

Hat uns Tokio die universelle Schwimmtechnik in allen vier Schwimmarten gezeigt? Ist das der Stand der Entwicklungen und der Forschungen? Auf den ersten Blick vielleicht nicht, wenn man die individuellen Ausprägungen in der Überwasserbetrachtung wahrnimmt. Doch dies ist ja nur eine Sicht der Dinge.

Die Olympischen Spiele gaben dem Schwimm-Fan wieder einmal eine Perspektive preis, die man in der Form nur sehr selten antrifft. Wo sieht man schon die besten Schwimmer und Schwimmerinnen der Welt in der Unterwasserphase? Und genau dieser Blick verrät den Stand der Schwimmtechniken – der ist zwar Überwasser individuell ausgeprägt, in der Unterwasserphase jedoch fast schon universell.

Soll heißen: abseits von sichtbaren Frequenzen und Rückholphasen in der Außenperspektive, bestimmen die physikalischen Gesetze den Schwimmsport. Der Unterwassereinsatz der Hebel und die Zugmuster sind im Kern bei allen Athleten gleich. Die Wissenschaft, die Diagnostiker, die Trainer und die Analytiker haben ihre Aufgaben gemacht.

Diese Verbesserung in der öffentlichen Präsentation des Schwimmsports hat für viele Sportler und Trainer einen unschätzbaren Wert. Vorbei sind die Zeiten des Ausprobierens und des Trial-and-Errors bzw. der Imitation der Spitzenkönner. Die reine Imitation ist selten ein probates Mittel gewesen. Heute wissen Trainer und Wissenschaftler sehr genau, wie schnelles Schwimmen theoretisch technisch funktioniert.

Es bleibt die eine Variable, die alles entscheidet!

Doch ist der Mensch nun keine Maschine, die man mit einer Software füttert und damit ein logisches Ergebnis produziert.  Es bleibt die eine, limitierende Variable, die diesen Prozess so spannend und einzigartig zugleich macht: das Individuum.

Angesichts des Wissensgrades geht es nun in der Analyse der individuellen Fähigkeiten in allen Leistungs- und Altersbereichen um die spannende Frage, mit welchen Methoden die besten persönlichen Ergebnisse erzielt werden können. Mit dem Ziel, sich möglichst nahe an das theoretische Idealbild heranzuarbeiten. Auch wenn man mittlerweile viel weiß, so bleibt jeder Sportler ein einzigartiges Wesen.

Die nächste Projektstufe des Lernens, Übens und Trainierens ist damit auch für Sie eingeläutet. Womöglich ist unter den fünf dargestellten Lehren ja bereits ein konstruktiver Anstoß für Sie dabei. Dann ist Tokio tatsächlich auch für Sie dauerhaft Gold wert.