Zählweise Züge pro Bahn der falsche Weg?

Züge pro Bahn: Zugzahl ist nicht gleich Zugzahl

Dass der Mensch ein Individuum ist und kein Mensch dem anderen gleicht dürfte eine Binsenweisheit sein. Im Sport kann man das besonders gut erkennen. Deshalb nehmen wir die WM-Vorläufe über 1.500 Meter Freistil (hier WM 2015) einmal unter die Lupe.

Viele Diskussionen werden entfacht, wenn man sich die Zugzahl/Bahn der 1.500m-Vorlauf-Teilnehmer der Weltmeisterschaften von Kasan anschaut und als Basis einer Bewertung nimmt – oder gar die Frage aufwirft, was denn nun besser sei. Schließlich reichten die Werte von 46 Zügen von dem Würzburger Ruwen Straub bis zu lediglich 27 Zügen pro Bahn bei Weltrekordler Sun Yang aus China. Die Frage, die unweigerlich gestellt wird, lautet: Kann man daraus eine Regel ableiten?

Es gibt keine Regel

Die Antwort ist relativ schnell mit einem „Nein“ zu beantworten. Dass das Schwimmen eine sehr komplexe Sportart ist, erlebt jeder Sportler an jedem Tag seines Trainings. Kein Training ist exakt wie das andere. Allein das Eintauchen in ein anderes Medium erzwingt jedes Mal von Neuem die Fähigkeit, das Wasser optimal zu fühlen und zu greifen.

Sieht man sich die genannten Sportler nochmals etwas genauer an, um Ableitungen aus der Körpergröße zu ziehen, so kann man zwar feststellen, dass der kleinste Sportler die meisten Züge und der längste Sportler die wenigsten Züge benötigt. Auf dieser Grundlage eine Empfehlung auszusprechen oder gar eine Größen- und Zugzahl-Schablone über einen Sportler zu legen, wäre jedoch fatal.

Technik muss individuell sein

Leider jedoch wird dies häufig getan und führt viele Sportler in die „technisch Irre“ und die dauerhafte Leistungsstagnation. Ein wissenschaftlicher Ansatz geht deutlich tiefer und betrachtet den Sportler nicht nur nach den außen sichtbaren Erscheinungen, sondern nach den Voraussetzungen. Denn eines gilt immer: die Technik muss dem Individuum entsprechen und angepasst sein, nicht umgekehrt! Nur so entstehen persönliche Bestleistungen.

(Züge = Gesamte Zugzahl pro Bahn, d.h. l+r addiert)

ZÜGE Größe NAME ZEIT PLATZ
46 178cm Ruwen Straub (Würzburg) 15:04,80 min 14
41 191 cm Sören Meißner (Würzburg) 15:30,02 min 29
40 191 cm Gregorio Paltrinieri (Italien) 14:51,04 min 1
37 180 cm Pal Joensen (Farör) 14:58,52 min 9
36 193 cm Ryan Cochrane (Kanada) 14;55,96 min 6
35 188 cm Michael McBroom (USA) 14:57,07 min 7
33 183 cm Stephen Milne (Großbritannien) 14:55,17 min 4
32 185 cm Connor Jaeger (UA) 14:53,34 min 2
29 189 cm Mykhailo Romanchuk (Ukraine) 14;57,82 min 8
27 198 cm Sun Yang (China) 14:55,11 min 3

Viel zu individuell sind die Körpermaße der Athleten, die in wesentlichen Punkten die Leistung beeinflussen. Diese und viele weitere Faktoren sind von außen jedoch mitunter kaum mit dem bloßen Auge erkennbar. Sieht man sich die Biomechanik der Sportart Schwimmen an, so sind besonders die Hebel und ihr optimaler Einsatz entscheidend für einen guten Vortrieb.

Tipp: Besser ist es übrigens die Frequenz oder Schlagzahl zu bestimmen. Sie wird über die Berechnung aus Zyklen/Minute dargestellt und gibt eine objektive Vergleichbarkeit, die das alleinige Zählen der Züge pro Bahn gar nicht bewerkstelligen kann.

Was man lernen kann und was nicht

ZÜGE Größe NAME ZEIT PLATZ
41 191 cm Sören Meißner (Würzburg) 15:30,02 min 29
40 191 cm Gregorio Paltrinieri (Italien) 14:51,04 min 1

Beispiel: Beide Sportler sind gleich groß und benötigen die fast identische Anzahl von Zügen pro Bahn und über die gegebene Strecke somit rund 1.200 einzelne Züge. Dennoch schwimmt ein Schwimmer im Endeffekt rund 40 Sekunden schneller als der andere. Das bedeutet: G. Paltrinieri hat für jeden einzelnen Zug ca. 0,74 Sekunden, Meißner dagegen ca. 0,77 Sekunden nach dieser sehr groben Berechnung (d.h. ohne Start, Wende etc. zu berücksichtigen – es gilt das Prinzip der Verdeutlichung!) benötigt. Woran das liegt? Man kann es oftmals gar nicht genau sagen. Es könnte die Kraft, die Wasserlage, die Körperform, die Handgröße, die Qualität der Beinarbeit u.v.m. ursächlich für den Zeitunterschied sein. Die Sache ist also viel komplexer als man zunächst denken mag.

Viele Einflussfaktoren

Bedenkt man die enormen Widerstände, die das Wasser gegen die eigentliche Schwimmrichtung stellt, so wird die Frontalfläche eines Schwimmers u.a. zu einem weiteren wesentlichen Einflussfaktor.

Darüber hinaus sind eine Vielzahl von individuellen Parametern für die Schwimmleistung verantwortlich. Zu nennen sind beispielsweise und ohne Anspruch auf Vollständigkeit:

  • Hebel-Verhältnisse
  • Gewicht
  • Spannweite
  • Relationen von Ober- und Unterkörperlänge
  • Kraft
  • Muskelfaserverteilung
  • Ausdauer & VO2max
  • Größe der Antriebsflächen (Hände, Füße)
  • Separierte Vortriebsleistung der Arm- und Beinarbeit
  • Und viele andere mehr

Diesen messbaren Eigenschaften eines Sportlers stehen zudem noch viele Fähigkeiten gegenüber, die für die Qualität der Sensomotorik (z.B. des Wassergefühls) verantwortlich zu machen sind und schlussendlich auch darüber entscheiden, inwieweit man die objektiven körperlichen Parameter überhaupt gewinnbringend einsetzen kann. Oder einfach gesagt: Dirk Nowitzki wird trotz seiner 213 Zentimeter Länge nicht zwangsläufig auch ein guter Schwimmer sein.

Pauschale Empfehlung bei 35 Zügen?

Die Auflistung lässt demzufolge keinerlei Empfehlungen zu, sondern dient lediglich, einen Überblick zu bekommen und eine gewisse Normalverteilung zu erkennen. Der „Normwert“, und damit ein Wert mit dem man eine gewisse Pauschalität auf diesem Leistungsniveau aussprechen darf, liegt der Tabelle zufolge bei ungefähr 35 Zügen pro Bahn.

Vorsicht bei der Übertragung der Ergebnisse

Deshalb Vorsicht bei der Übertragung der Ergebnisse auf andere Leistungsbereiche: es ist natürlich ein Unterschied, ob ein Weltklassesportler wie Ryan Cochrane für seine 36 Züge im Schnitt weniger als 30 Sekunden benötigt, jedoch ein Hobbyschwimmer für dieselbe Zugzahl 45 Sekunden veranschlagen muss. Berechnet man zum Vergleich die Zeit, die die diese beiden Sportler pro Zug benötigen (Gleitphase nach Wende nicht einberechnet), so sieht man bei Ryan Cochrane (0,81 Sekunden pro Zug) und beim Hobbyschwimmer (1,25 Sekunden pro Zug) hoch signifikante Unterschiede. Die Beurteilung schwimmerischer Qualität allein anhand der Zugzahl ist demzufolge von eher geringer Aussagekraft – bis irrelevant.

Es bedarf also eines Experten, um die individuell optimale Technik zu finden. Pauschale Aussagen treffen selten ins Schwarze!

Das Individuum Mensch wird besonders dann, wenn es sich ins Wasser bewegt, um viele Facetten reicher! Deshalb ist Schwimmen als Leistungssport komplex und individuell.


von Holger Lüning

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