Warum Technik-Videos nicht immer hilfreich sind

Zu unserem Artikel „Gute Schwimmer gleiten nicht?“ (Klick hier zum Artikel) gab es auf Facebook einen interessanten Austausch, der die Problematik von Technik-Videos bestens darstellt. Es gilt, bei Technik-Videos sehr genau hinzusehen.

In genannten Artikel ging es vor allem um die Thematik, dass die Erzeugung des Tempos und die Realisierung einer optimalen Wasserlage immer vor dem Aspekt des Gleitens steht. So kommt es auch zum Zitat Sheila Taorminas, dass gute Schwimmer nicht gleiten würden. Gute Schwimmer versuchen vielmehr, eine Phase des Gleitens (Definition: Eine Phase, in der kein aktiver Vortrieb durch die Arme geleistet wird und der Schwimmer folgerichtig  Tempo verlieren müsse) zu vermeiden und dauerhaft, d.h. ohne eine Lücke in der Vortriebsarbeit, Tempo zu erzeugen. Nur so gelingt es, einen Tempoabfall zu vermeiden.

Was sollte ich beachten und was nicht!

Daraufhin entgegnete ein Leser (Vielen Dank für den Beitrag an dieser Stelle), dass das Gleiten doch ein wesentlicher Aspekt guten und ökonomischen Schwimmens sei und verwies dabei auf das folgende  Video:

Sieht man sich dieses Video jedoch sehr genau an, so sieht man mit Nathan Adrian einen Sprinter (Link zu Wikipedia >> Klick), der in einem für ihn völlig untypischen Tempo schwimmt.  Der 198 Zentimeter große und 100 Kilogramm schwere Athlet, mit Bestzeit von 21.37 Sekunden über 50 Meter Freistil, wurde offenbar gebeten, in einem für ihn sehr langsamen Tempo die Technik bestmöglich zu demonstrieren. Das Problem solcher Videos? Ein Sportler mit den genannten Voraussetzungen kann in langsamen Tempo kaum gut schwimmen, weil seine Spezialdisziplin das schnellstmögliche Schwimmen, also das Sprinten, ist.

Bei genauer Beobachtung ist dann auch zu sehen, wie dieser schwere Athlet kaum in der Lage ist, eine gute Wasserlage zu realisieren und er sich einer Technik behilft, die ihn einigermaßen gut aussehen läßt. Mit dem was Nathan Adrian in Wirklichkeit in Bezug auf die Koordination und die zeitliche Abstimmung der Hebel macht, hat diese Technikstudie demzufolge recht wenig zu tun. Sinnvoll ist es vielmehr, sich auf den Verlauf von Hand und Ellenbogen zu konzentrieren. Das sichtbare Gleiten hingegen als Vorlage zu nehmen wäre jedoch absolut kontraproduktiv.

Gekünstelt oder realistisch?

Sieht man sich ein Video seiner Wettkampftechnik an, so sind die Unterschiede sehr klar erkennbar.

Eine völlig andere Geschwindigkeit, eine völlig andere Bewegungsfrequenz, ein völlig anderes koordinatives Muster, und und, und. Um es kurz zu machen: Die vom Produzenten geforderte Schwimmart in dem oberen Video entspricht überhaupt nicht der Technik, die der Athlet in dem Umfeld einsetzt, für das er trainiert!

Fazit: Das obere der beiden Videos vermittelt dem Betrachter ganz schnell ein völlig falsches Technikleitbild. Das lange Gleiten mittels des übertrieben lang liegenbleibenden Arm in der Vorhalte suggeriert besonders dem Seiteneinsteiger eine technische Idealsituation, die bei einem Hobby- bis Leistungsschwimmer vor allem eines trainiert: das langsame Schwimmen!

Ist die Technik denn auch „echt“?

Deshalb gilt es, bei der Suche nach optimalen Technikvideos immer den Aspekt zu berücksichtigen, inwieweit die demonstrierte Technik denn auch tatsächlich der optimalen Technik des gezeigten Athleten entspricht. In diesem Falle geht das ähnlich daneben, als wenn man Usain Bolt filmen würde, wie er einen 100-Meter-Sprint in 12 Sekunden läuft. Das wäre für 99% aller Leser sicherlich eine großartige Leistung. Die Technik jedoch, die Usain Bolt, obwohl schnellster Mann der Welt, für seine (!) Umsetzung dieser Leistung anwenden würde, wäre für uns völlig unbrauchbar. Sie wäre vielleicht sogar für ihn selber und seinen technischen Anspruch fast inakzeptabel, weil einige wesentliche Aspekte seiner herausragenden Weltrekord-Technik in einem solchen Video überhaupt nicht sichtbar wären, da für diese Leistung nicht notwendig. An diesem Punkt wird es also für den technischen Laien sehr schwierig, die Aspekte zu filtern, die ihn selber in der technischen Entwicklung weiterbringen.

Merke: Jede Technik im Weltklassebereich ist das Ergebnis eines jahrelangen Optimierungsprozesses, um die individuellen Fähigkeiten des Athleten bestmöglich zur Geltung zu bringen. Sie kann keine Blaupause sein!

Unsere Meinung: das obere Video ist als didaktische Vorlage der koordinativen Abstimmung leider überhaupt nicht zu gebrauchen. Weder werden wichtige Hintergründe erläutert noch schwimmt der Sportler in einer Technik, die schnelles Schwimmen möglich macht. Es verwirrt leider mehr, als dass es aufklärt!

Darf ich mich vergleichen?

Hinzu kommen übrigens noch ganz andere Aspekte. Beispielsweise: inwieweit kann ich eine Technik nachahmen von einem Athleten wie Nathan Adrian? Sind Sie fast zwei Meter groß, muskelbepackt und einhundert Kilogramm schwer? Womöglich noch mit Händen, die so groß wie Paddles sind und Schuhgröße 50? Trainieren Sie seit mehr als zehn Jahren auf absolutem Höchstniveau? Ganz ehrlich: dürfen Sie sich überhaupt mit solch einem Ausnahmesportler vergleichen?

Dort, wo Videos gezeigt werden ohne die wissenschaftlichen Hintergründe zu erwähnen (in Bezug auf Hebelgesetzt, Biomechanik usw.) muss der Transfer fast scheitern. Deshalb immer kritisch sein, um zu verhindern, dass man sich mit der Imitation einer künstlichen Technik konsequent in die Leistungsstagnation hineintrainiert.

Und dennoch: viel Spaß mit jedem einzelnen Video, das für das Training motiviert!

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