Vergleich erlaubt? Ist Schwimmen wie Werfen?

Gibt es Gemeinsamkeiten zwischen dem Schwimmen und dem Werfen?

Eine vergleichende Betrachtung

Kennen Sie diesen Vergleich? Die Schwimmtechnik beim Kraulschwimmen sei ähnlich der Wurfbewegung und deshalb dürften klare Empfehlungen hinsichtlich einer optimalen Technik ausgesprochen werden dürfen, die beim Schwimmen zu besseren Ergebnissen führe? Diese Annahme wird gerne als Argument herangezogen, um technische Konzepte zu untermauern. Schwimmt man schneller, wenn man Prinzipien des Werfens berücksichtigt? Wir nehmen die Argumente einmal unter die Lupe. Haben sie wirklich Relevanz oder steckt dahinter nicht doch eine Fehlannahme?

Im Regelfall resultieren aus dieser Annahme die folgenden Empfehlungen:

  1. Die Kraft entsteht beim Wurf aus der muskulären Vordehnung des Stemmschritts. Diese Kraftentfaltung könne man mittels einer Vorspannung durch Rotation ebenfalls erzeugen.
  2. Werfen ist eine Überkopf-Sportart. Die Arme würden beim Schwimmen ebenfalls Überkopf geführt, weshalb es ähnliche Gesetzmäßigkeiten hinsichtlich der Biomechanik gäbe.

In der Ergänzung zur Annahme, dass eine Rotation im Becken & Rumpf – analog zum Werfen – hilfreich sei, wird gerne hinzugefügt, dass somit nicht nur die Kraftentfaltung im Wasser besser wäre, sondern

3.) zusätzlich sich auch der Widerstandswert verbessere, der dank der verkleinerten Stirnfläche in senkrechter Wasserlage entstehe. Eine Annahme, die es zu überprüfen gilt.

Eine wissenschaftliche Aussage verbirgt sich hinter diesen Aussagen nicht und so erklärt es sich auch, dass Studien und Untersuchungen zu diesem Thema nicht zu finden sind. Wir gehen deshalb einmal in den Vergleich und prüfen die genannten Annahmen in der Praxis.

Werfen und Kraulschwimmen

Schaut man sich die Bewegung eines Wurfes einmal an, so entstehen die folgenden Merkmale.

Die folgenden Erscheinungen sind für das Werfen charakteristisch:

  1. Anlauf aus Ruheposition, Körperposition: senkrecht, fester Stand
  2. Gegenstand in der Hand tragend
  3. Beschleunigung & Ausholbewegung des Arms nach hinten
  4. Stemmschritt und Zurücklehnen des Oberkörpers
  5. Einnehmen eines festen Stands mittels Bodenkontakt (Schwerkraft + Bremsvorgang)
  6. Ruckartige Beschleunigung eines Arms von hinten nach vorne
  7. Einseitiges Loslassen & Wurf des Gegenstands
  8. Stand, Stopp und Beendigung des einmaligen Vorgangs

Vergleicht man diese o.g. 8 Bewegungsabschnitte mit dem Schwimmen, so fällt auf:

  1. Es gibt keinen Anlauf im Wasser. Körperposition: waagrecht, im Wasser
  2. Kein Gegenstand in der Hand beim Schwimmen erkennbar
  3. Keine Ausholbewegung des Arms hinter den Körper beim Schwimmen erkennbar
  4. Kein Stemmschritt bzw. Bewegungsstopp im Schwimmen erkennbar
  5. Kein fester Stand im Wasser möglich (Quasi-Schwerelosigkeit)
  6. Keine ruckartige Armbeschleunigung und Schleuderbewegung im Schwimmen erkennbar
  7. Ziel beim Schwimmen ist die Beschleunigung des eigenen Körpers, nicht die eines Gegenstands
  8. Der Wurf ist eine einmalige Bewegung, Schwimmen hingegen eine zyklische Fortbewegung

Deshalb sind Speerwerfer keine guten Schwimmer

Sicherlich könnte man noch sehr viel detaillierter in diesen Vergleich gehen, das Ergebnis würde noch deutlicher ausfallen. Es darf festgehalten werden, dass ein Vergleich zwischen dem Werfen und dem Kraulschwimmen keine Gemeinsamkeiten hinsichtlich der biomechnischen Abläufe, sowie der spezifischen Zielvorgaben der beiden Sportarten ergibt.

Fehlannahme Nummer 1: Kraulschwimmen ist – im Gegensatz zum Werfen – keine einmalige Bewegung. Deshalb ist der koordinative Aufbau der an Land ausgeführten Wurf-Bewegung nicht mit dem Ziel des Schwimmens vergleichbar, den eigenen Körper zu beschleunigen und über eine Wegstrecke vom Start bis zum Ziel zu transportieren.

Fehlannahme Nummer 2: Kraulschwimmen wird zwar den Überkopf-Sportarten zugeordnet. Auch ist ein kleiner Anteil (Zugphase) der Gesamtbewegung oberhalb des Kopfes erkennbar, jedoch gibt es insofern Unterschiede zu Sportarten wie Badminton, Handball, Werfen, als dass die eigentliche sportliche Leistung mittels Bewegungen vor dem Körper respektive dem Rumpf erbracht wird. So dominieren im Schwimmen Zug- und Druckbewegungen vor dem Rumpf (im Regelfall zusätzlich verbunden mit einer Innenrotation der Antriebselemente), um die spezifische Leistung zu erzeugen. Beim Wurf entsteht die Leistung hinter dem Körper (Ausholen) und Überkopf (Abwurf), während sie beim Kraulschwimmen sogar weitestgehend unterhalb der Schulterlinie vollbracht wird.

Fehlannahme Nummer 3: Eine Vordehnung, wie sie beim Werfen mittels des Stemmschritts realisiert wird, kann im Wasser nicht erzeugt werden, da es nicht zu einem festen Stand kommt. Der feste Stand ist aber die Voraussetzung dafür , dass eine wirksame Vordehnung im Rumpfbereich erzeugt werden kann (vergleiche auch Übung unten). Eine reflektorische Antwort der Muskelstrukturen, oder gar ein Muskeldehnungsreflex, ist somit nicht möglich. Die fehlende Gegenkraft im Wasser bedingt darüber hinaus, dass jede Drehbewegung in der Längsachse durch eine Gegenbewegung gestoppt, respektive korrigiert werden muss. In der Praxis wären deshalb korrigierende Arm- und Beinbewegungen notwendig, um den Körper in die Neutralposition zurück zu bewegen. Diese Bewegungen erzeugen jedoch Querkräfte, die dem Vortrieb nicht dienlich sind.

Fehlannahme Nummer 4: Kraulschwimmen ist keine Schleuder-Sportart! Die Zielstellung, einen Gegenstand möglichst explosiv und/oder weit zu werfen, hat mit der Zielstellung des Schwimmens keine Gemeinsamkeiten. Dient der Bewegungsapparat beim Werfen tendenziell als Abwurf- und Katapultstation, erfüllt er beim Schwimmen eher die Funktion eines Motors inkl. Kraftübersetzung über die Hebel zum Zweck der Eigenbeschleunigung. Aus diesem Grunde spielt u.a. auch das Leistungsgewicht im Schwimmen eine wesentlich größere Rolle als beim Werfen.

Fehlannahme Nummer 5: Eine Rotation in der Längsachse ergibt keinen Vorteil hinsichtlich der Wasserwiderstände, da ein Zurückdrehen (welches es beim Wurf ohnehin nicht gibt) in die waagrechte Lage und die nachfolgende Rotation in die gegenüberliegende Position deutlich höhere Widerstände erzeugt als eine ruhige Wasserlage. Im Gegenteil: mit dem Wechsel von der einen auf die andere Seite erfüllt man ein deutlich größeres Widerstandsspektrum als in ruhiger Lage. Zudem reduziert die Seitlage die Auftriebskraft- und fläche des Oberkörpers. Feststehendes Gesetz: weniger Fläche, weniger Auftrieb. Die Oberkörperfläche ist aber ein entscheidendes Kriterium für eine hohe Wasserlage.

In bewegten Bildern

 

Praxis: Einfacher Versuch

An dieser Stelle soll eine einfache Analyse genügen, um die Denkfehler in diesem Vergleich darzustellen. Eine weiterführende biomechanische Analyse würde darüber hinaus zusätzliche Fehler in diesem Vergleich offenbaren.

Ein einfacher Versuch zeigt, weshalb die Schwerkraft und der feste Stand ein wesentliches Merkmal für die Aktivierung einer Verdrehung & Verwringung und Vordehnung im Rumpf, bzw. einer entgegengesetzten Bewegung von unterer und oberer Körperhälfte, sind. Werfen Sie einen Tennisball einmal an Land (wie im Video oben) und messen Sie die Weite. Versuchen Sie dasselbe aus dem Wasser ohne Stand auf dem Boden. Der Unterschied macht alles klar! Die Weite wird womöglich nicht einmal die Hälfte des Wertes erreichen, den Sie mittels des sicheren Stands erbracht haben. Die Idee, mehr Rumpfkraft aus einer Rotation zu generieren, kann im Wasser nicht realisiert werden, da die notwendige Gegenkraft nicht aufgebracht werden kann.

Die Zielrichtung des Schwimmens ist folgerichtig in keiner Weise mit der des Werfens vergleichbar. Empfehlungen aus dem biomechanischen Ablauf des Werfens auf das Schwimmen zu transferieren, müssen zwangsläufig scheitern.

Fazit: Die Ausgangsfrage ist mit einem Nein zu beantworten, da offenbar doch grobe Denkfehler vorliegen.

Schneller schwimmen ohne Atemvorgang

Abschließend ein Zusammenschnitt eines Videos des 50m-Freistil-Endlaufs von London 2012. Hier kann man deutlich erkennen, welche Bedeutung einer ruhigen und stabilen Wasserlage beigemessen werden muss. Nur so können die Widerstände optimiert und der Auftrieb des Körpers gesichert werden. Richtet man den Blick vor allem auf den Rumpf der Schwimmer, werden die Prinzipien aus Bio- und Hydrodynamik sichtbar. Oder anders erklärt: ein 50m-Sprinter atmet vor allem deshalb nicht, weil jede unnötige Bewegung, z.B. durch das Drehen des Kopfes, die Wasserlage stört und folgerichtig die Widerstände erhöht.

Ergebnis dieser Video-Beobachtung:

Würden wir nicht atmen müssen, würden wir schneller schwimmen können!

Hintergründe vermitteln wir übrigens in unseren Schwimm-Camps und -Seminaren (Klick).

von Holger Lüning