Eigenanalyse: was verlangt mein Rennen von mir?

Renntaktik: die wichtige Soll-Ist-Analyse

Der sehr genaue Blick auf das, was Sie als Wettkampfsportler erwartet, verrät mehr als Sie vielleicht bisher annahmen.

Dürfen wir Sie zu Beginn auf eine kleine Zeitreise mitnehmen? Stellen Sie sich vor, Ihnen würde die Herausforderung aufgebürdet werden, einen komplexen Schultest absolvieren zu müssen.

Wie würden Sie beim Lernen vorgehen, wenn es hieße, das Thema sei Mathematik? Das wäre eine ziemliche Herkules-Aufgabe. Schließlich müssten Sie von allem etwas lernen, um ein einigermaßen gutes Ergebnis zu erzielen. Grenzt der Lehrer das Thema jedoch auf den Stoff nur eines Schuljahres ein, würde sich nicht nur der Inhalt des Lernvorgangs ändern, Sie würden vermutlich auch auf ein deutlich besseres Ergebnis zusteuern. Wäre die Vorgabe noch genauer und es würde um den Unterrichtsstoff nur eines bestimmten Themas gehen, stiege die Wahrscheinlichkeit eines guten Ergebnisses weiter signifikant an.

Spezifische Vorbereitung für spezifische Ergebnisse

Dahinter liegt das Prinzip der spezifischen Vorbereitung. Je klarer das Ziel definiert ist, umso klarer definieren sich auch die Übungsinhalte und umso eher dürfen Sie mit einem erfolgreichen Abschneiden rechnen. Und nun die Frage an den Schwimmsportler in Ihnen: trainieren Sie einfach nur das Thema Schwimmen oder haben Sie das ganz klar formulierte Thema in Form Ihrer Spezialstrecke vor Augen – und damit auch die besten und zugleich effektivsten Methoden dafür ausgewählt?

Sind Sie bitte ehrlich mit der Antwort, denn sie kann Auskunft darüber geben, wo Ihre Potenziale brach liegen oder sich Leistungsstagnationen verstecken. Als Schüler verlangen Sie von Ihrem Lehrer die Prüfungsinhalte so spezifisch und klar anzugeben wie nur möglich. Denn nur dann können Sie Ihre Bemühungen konzentriert und fokussiert steuern.

Als Sportler sollten Sie jetzt die Frage an die Wettkampfanforderung, z.B. die Spezialstrecke, stellen:

„Was erwartest du von mir? Mit der Bitte um eine maximal detaillierte Antwort!“

Und plötzlich wird die Spezialstrecke wahrscheinlich zu einem recht umfangreichen Unterfangen. Gehen wir also einen Schritt weiter.

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Zeit besser investieren

Diese Frage – und vor allem die Antwort darauf – kann Ihr sportliches Training auf ein völlig neues Qualitätsniveau heben. Plötzlich wissen Sie noch genauer, was Sie für den individuellen Erfolg trainieren müssen. Und womöglich wird Ihnen zugleich auch bewusst, wo Sie bislang unnötige Zeit investiert haben.

Sie kennen sicherlich zahlreiche Situationen, die Sie im Vorfeld bereits gut planen und deshalb dort auch erfolgreich sein konnten. Und dann sind da die weniger guten Erfahrungen, die meist in Situationen entstanden, die ungewohnt oder sogar neu für Sie waren. An dieser Stelle können wir bereits festhalten: eine Vorbereitung, die auf die zu erwartende Aufgabe zugeschnitten ist, führt meist zu guten, bis sehr guten individuellen Ergebnissen. Der Sport bildet da keine Ausnahme.

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Die zentrale Frage

Im Zentrum der Trainingsplanung steht deshalb immer die Frage nach der zu bewältigenden Aufgabe. Man könnte sie wie folgt formulieren: was erwartet die Wettkampfaufgabe von mir? Wechseln Sie nämlich einmal den Blickwinkel und blicken Sie aus der Sicht der anstehenden Rennaufgabe, werden die notwendigen Trainingsinhalte mit einem Mal viel konkreter.

Am folgenden Beispiel soll dies verdeutlicht werden. Welche Fähigkeiten hat ein/e 50-Meter-SprinterIn mitzubringen, um so schnell wie möglich zu schwimmen?

Was sind schon 50 Meter? Eine ganze Menge!

Was sind schon „nur 50 Meter“? Einfach reinspringen und so schnell schwimmen wie möglich könnte man sagen.

Doch wir blicken mal etwas tiefer in ein 50-Meter-Rennen. Welche Aufgaben hat ein Sprinter vom Start bis zum Anschlag zu bewältigen? Gehen Sie dieses Rennen, oder ihre eigene Spezialstrecke doch einmal im Geiste durch. Sie werden erstaunliche Feststellungen machen!

  • Vorstart:
  • Einschwimmen
  • Warm-Up Strategien
  • Start:
  • Reaktionsschnelligkeit beim Start
  • ein explosiver Abdruck vom Startblock
  • eine Flugkurve, die einen optimalem Eintauchwinkel ermöglicht
  • 0 bis 15 Meter:
  • eine stabile Körperposition beim Eintritt ins Wasser
  • eine widerstandsarme Wasserlage
  • eine wirkungsvolle Unterwasserphase (Beinarbeit, Tauchzug)
  • eine Break-Out-Phase mit möglichst hohem Tempo
  • ein harmonischer Übergang in die Gesamtbewegung
  • 15-25 Meter:
  • schnellkräftige Bewegungen
  • ruhige, stabile Wasserlage bei maximaler Anstrengung
  • eine optimale Koordination bei höchstem Tempo
  • 25-40 Meter:
  • die Aufrechterhaltung des Höchsttempos
  • so viele wie Atemzüge nötig, so wenig wie möglich
  • stabile Technik trotz anaerober Höchstanstrengung
  • 40 bis 50 Meter:
  • Tempo aufrechthalten und Endspurt vorbereiten
  • Keine Atemzüge mehr
  • Anschlagtiming

Diese Auflistung liest sich wie ein komplexes Lastenheft. Und das ist es auch. Denn aus der genauen Rennanalyse folgt fast automatisch die spezifische Planung für Ihre Hauptstrecke. Auf dieser Basis erkennen Sie ganz klar, an welchen Stellschrauben es sich lohnt zu arbeiten. Genauso erkennen Sie aber auch Trainingsinhalte, die Sie nun hinten an stellen können, da sie die Leistung nicht in dem Maße beeinflussen, wie das andere Fähigkeiten tun.

Mit dieser Analyse haben Sie einen ganz großen und wichtigen Schritt getan, um Ihre Leistung  zu verbessern und zu optimieren. Ganz unabhängig von Ihrer Leistung oder dem Alter. Diese Analyse sollte jeder Trainer mit seinen Schützlingen durchführen, um auch die Aufmerksamkeit des Sportlers auf die unzähligen Details zu lenken.

Denn eins darf immer wieder festgestellt werden: im Endeffekt sind es die Details, die den individuellen Erfolg ausmachen!

Im 2. Teil geht es in die Analyse der konditionellen Fähigkeiten > KLICK

Tipp 20: Die zentrale Frage in der Trainingsplanung

Das kleinste Teil der Trainingsplanung ist die Trainingseinheit. Und auch dort kann eine zentrale Frage helfen, mehr Effektivität in den Ablauf zu bringen. Hier ist das Video zum Tipp. Einfach auf das Motiv klicken und schon startet das Video. Viel Spaß!

Ein Artikel von Holger Lüning. Titelfoto: Michel Lapp