Techniktraining: Du kannst nicht immer gut aussehen!

Scheitern ist die große Chance!

Überprüfen Sie Ihr Mindset

Es ist ein weit verbreiteter Glauben, dass man technische Aufgaben nur so lange trainieren sollte, wie man auch in der Lage ist, sie optimal umzusetzen. Vielleicht gibt es aber auch einen zweiten Weg, der uns im Wasser voran bringt.

„Macht es Sinn, mit einem Training fortzufahren, wenn die Technik aufgrund der Erschöpfung nicht mehr in der Idealform aufrecht erhalten werden kann?“ So lauten häufige Fragestellungen von Sportlern, die für sich selber trainieren und eher selten auf das Feedback eines Trainers zurückgreifen können.

Gibt man zu früh auf?

Jeder Sportler wird das Gefühl kennen, wenn man einfach nicht mehr in der Lage ist, die Technik sauber auszuführen. Im Schwimmen fällt dann schnell der Ellenbogen oder der Abdruck endet statt mit einem kraftvollen Druck aus dem Ellenbogen in einer seitlichen Wischbewegung ohne wirkliche Schubleistung. Das sind keine schönen Momente als Sportler, weil man ahnt, wie diese mangelhafte Darbietung auch visuell durch andere wahrnehmbar ist. Da ist man als Sportler geneigt, auch mal frühzeitig das Training zu beenden, wenn es keinen Trainer gibt, der ein deutliches Veto einlegt.

Auch die Trainingsratgeber sprechen eine einheitliche Sprache. Nur in ausgeruhtem Zustand sei es sinnvoll, neue Bewegungen einzustudieren oder komplizierte Abläufe zu verfestigen. Vom Grundprinzip ist das natürlich vollkommen korrekt und einleuchtend. Nur wer mental und körperlich frisch ist, kann sich auf komplexe Situationen adäquat einstellen. Doch es gibt ein „aber“.

Wassergefühl entwickelt sich immer

Besonders im Schwimmen kommt aber noch eine weitere Komponente hinzu. Sie nennt sich Sensomotorik und umschreibt die Fähigkeit, das Wasser effektiv zu greifen und ein sehr gut ausgeprägtes Gefühl der eigenen Bewegung zu haben. Nur wer das Wasser richtig fühlt, kann das komplizierte Geflecht aus technischer Anforderung, passender Wasserlage und optimal koordinierter Bewegungen der Extremitäten in idealer Weise ansteuern und umsetzen.

Das Scheitern bietet DIE Chance

Wissenschaftler haben in Untersuchungen festgestellt, dass das Scheitern in einem Training eine wesentliche Komponente für die Weiterentwicklung ist. So beobachtete man Golfsportler bei Versuchen, den Ball aus dem Sandbunker zu schlagen. Während Hobbysportler oft nach wenigen gescheiterten Versuchen aufgaben („das kann ich ja doch nicht“), stellte man fest, dass überdurchschnittlich gute Golfsportler auch nach zehn gescheiterten Versuchen nicht aufgaben („das werde ich schon noch schaffen“). Im Endeffekt ergaben sich die größeren Lerneffekte bei den Sportlern, die das Scheitern als Herausforderung betrachteten! Hier trennt sich offenbar die Spreu vom Weizen. Überdenken Sie immer wieder Ihre Einstellung (Mindset), zu welcher Gruppe Sie gehören möchten. Sehen Sie das – temporäre – Scheitern als Chance!

Dreierlei Effekte können sich vor allem in den Momenten der Krise ergeben: das gezielte Training der leistungsrelevanten Energiesysteme, die Verbesserung der mentalen Komponente und das feinere Gefühl, die Kinästhetik, für die Bewegung.

Ein tiefes Gefühl prägt sich häufig auch erst mit einem lang andauernden Eintreffen von Signalen aus den sensorischen Systemen aus. Was in der Praxis, besonders der Ausdauersportarten, bedeutet: man muss sich Zeit nehmen und geduldig sein, um ein Bewegungsgefühl zu bekommen. Deshalb muss es ab und zu auch die klare Anforderung sein, dieses Gefühl gezielt in Krisensituationen zu erleben. Mitunter wird das kinästhetische Erlebnis sogar nachhaltiger als immer nur in ausgeruhtem Zustand an der Technik zu feilen.

Mit der Krise umgehen

Erschöpfung ist ein gewollter Zustand. Man kann fast sagen, das Ziel der meisten Trainingseinheiten. Wenn die Kraft den Körper verlässt, muss das Gefühl dafür sorgen, dass die Technik ökonomisch wird. Interessant ist in solchen Trainingssituationen, wie intelligent der Organismus mit solchen Krisen umgeht. Dann empfängt das Gehirn plötzlich andere Informationen als das im ausgeruhten Zustand der Fall ist. Insgesamt führt dieses Wechselspiel an Informationen auch dazu, dass die vorhandenen Ressourcen noch sinnvoller eingesetzt werden.

In einem Training kann dieser Umstand genutzt werden, um am Ende einer Einheit noch einmal ganz gezielt technische Übungen einzusetzen. Das über die Dauer des Trainings erworbene Feingefühl kann nämlich genau dann helfen, das Wasser noch besser greifen zu können und somit die technischen Aufgaben noch effektiver umsetzen zu können.

Neues Bewegungswissen sammeln

Auch wenn die gesamte Performance, sprich Schwimmgeschwindigkeit, vielleicht nicht mehr der Zielsetzung entspricht, so können genau die Momente, in denen man sich als Sportler nicht mehr ganz so frisch fühlt, genau die Momente sein, in denen man neues Bewegungswissen sammelt. Wenn Sie diese Situation regelmäßig, sicher nicht zu häufig, bewusst provozieren, können Sie oder Ihre Schützlinge genau dieses Wissen in die nächsten Einheiten und Trainingsaufgaben transferieren.

Ab und zu sollte man sich einfach von bewährten Regeln und Empfehlungen trennen. Besonders im Schwimmen, Radfahren oder auch Laufen kommt es nicht auf technische Perfektion, wie z.B. beim Kunstturnen, an. Vielmehr geht es um das persönliche Optimum. Und um genau das zu erkennen und zu erspüren, ist es gar nicht immer von Vorteil, ausgeruht zu sein. Dann neigt man dazu, die Bewegung sehr stark zu kontrollieren anstatt sie „laufen zu lassen“. Also einfach mal loslassen und sehen – und wirken lassen – was passiert.

Fazit

Und dann besitzt die Überschrift auch ihre Berechtigung, wenn es um technisches Training geht: „Du kannst (und sollst) nicht immer gut aussehen!“

Tipp: Schwimmen Sie einige unserer Trainingseinheiten der Woche doch einmal in falscher Richtung, nämlich mit dem Ausschwimmen beginnend in umgekehrter Reihenfolge.

von Holger Lüning

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