Was ist besser: 900 oder 1.200 Züge auf 1.500 Meter

Der Hintergrund zu unterschiedlichen Frequenzwerten

Fallbeispiel: 1.500-Meter-Finale EM Glasgow 2018

Erinnern Sie sich an den phänomenalen Sieg von Florian Wellbrock bei der Europameisterschaft in Glasgow 2018? In einem mitreißenden Rennen, konnte er Olympiasieger und Titelverteidiger Gregorio Paltrinieri aus Italien hinter sich lassen.

Bei der Betrachtung des Rennens, hier die EM-Reihenfolge (hier: Youtube-Video Klick)

  1. Florian Wellbrock (GER) 14:36,15 Minuten
  2. Michailo Romantschuk (UKR) 14:36,88
  3. Gregorio Paltrinieri (ITA) 14:42,85

,ist vor allem eine Spezifik aufgefallen, die für Diskussionen gesorgt hat. So ist Wellbrock jeden 50er-Abschnitt mit durchschnittlich ca. 30 Zügen geschwommen, während Gregorio Paltrinieri für dieselbe Strecke ca. 40 Züge benötigt hat.

300 Züge mehr auf 1.500 Meter!

Am Ende schwimmt der Italiener also sage und schreibe 300 Züge (!) mehr als der Deutsche! Kann das ein guter Weg sein? Auf der anderen Seite: Paltrinieri ist Olympiasieger & Europarekordhalter und kann so falsch nicht liegen mit seiner Technik. Wie kommt so etwas also zustande, wenn am Ende beide fast dieselbe Leistung erbringen? Denn eins ist klar: Weltklasseleistungen erbringt man nicht, wenn man eine individuell falsche Strategie wählt. Es muss also etwas anderes hinter diesen Werten stecken.

Ist es die Körpergröße? Nein.

Größe = Zuglänge? Dieser kausale Zusammenhang wird schnell bemüht. Aber schauen wir uns das mal an:

Florian Wellbrock = 185 cm, 70 kg  (30 Züge pro Bahn = 900 Züge/1.500m)

Gregorio Paltrinieri = 191 cm, 66 kg (40 Züge pro Bahn = 1.200 Züge/1.500m)

Was lernt man daraus? Zunächst gar nichts! Denn: sollte der größere Sportler nicht eigentlich auch den längeren Zugweg realisieren und damit weniger Züge benötigen müssen? Jedoch, das Gegenteil ist der Fall!

Größerer Körper, längere Arme und damit weniger Züge? Diese Rechnung geht in diesem Vergleich also nicht auf. Und genau hier offenbart sich das häufige Missverständnis. In der Annahme, Wellbrock würde besser gleiten, wird häufig die Ursache gesucht, um am Ende die Gleichung aufzustellen: “Gleitest du besser, schwimmst du schneller bei weniger Aufwand!”

Diese Annahme ist aber falsch! Die Lösung liegt woanders. Nämlich in der Spezifik des Individuums!

Bemerkung zum besseren Verständnis: In diesem Fall definieren wir das Gleiten mit einer Phase ohne aktiven Vortrieb, d.h. im Regelfall liegt ein Arm in der Vorhalte und vermittelt den Eindruck des Gleitens – also einer vortriebslosen Phase – , da sich der vorherige Zugarm in der Schwungphase Überwasser befindet.

Jeder ist anders: Kraft vs. Ausdauer

Entscheidend ist die Betrachtung des Zyklus- bzw. Zugwegs, den der Schwimmer zurücklegt. Hier kommt der Deutsche deutlich weiter als der italienischer Europarekordhalter (14:34,04 Min). Das liegt aber nicht an der Fähigkeit, gut zu gleiten (auch wenn die technische Qualität der Ausführung natürlich eine Rolle spielt), sondern vor allem am Kraftimpuls pro Zug.

Setzen wir eine ausgesprochen gute Wasserlage voraus – denn das wird man im Weltklassebereich dürfen – so steht fest, dass Wellbrock mit dem Kraftimpuls eines Zuges eine weitere Strecke zurücklegt. Der Italiener hingegen durchpflügt das Wasser mit einer höheren Frequenz und damit folgerichtig einem geringen Kraftimpuls pro Zug. Es ist also zunächst die Kraft, die über die Zugzahl entscheidet! Fazit: eine geringere Zugzahl bedarf eines höheren Krafteinsatzes.

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Die Lehren für Schwimmer und Triathleten?

Glaubt man als Nachwuchs-, Hobby- oder Triathlonschwimmer nun, das Schwimmen mit wenig Zügen optimal zu trainieren, so wird das wahrscheinlich genau der falsche Weg sein. Schließlich dürfte ein Vergleich mit einem Schwimmer, der zwischen 70 und 100 Kilometer im Wasser (pro Woche!) zurücklegt, nicht zulässig sein. Hier fehlt es an der spezifischen Kraft und Ausdauer im Vergleich zu den Spitzenathleten!

Somit geht der Weg tendenziell eher über eine hohe Ausdauerleistung auf der Kraul-Mittel- und Langstrecke. Erst wenn man in der Lage ist, dauerhaft gleich starke Impulse auf das Wasser zu erzeugen, entsteht auch eine gute Ausdauer-Schwimmleistung.

Früher oder später gilt es dann zu erkennen, wo die individuellen Stärken liegen. Und die sind zu Teil auch genetisch vorgegeben. So ist anzunehmen, dass Florian Wellbrock ganz andere Lasten im Kraftraum bewältigen kann als der schmächtige, 191 cm große und 66 kg leichte Italiener. Der fast schon zierliche Olympiasieger Paltrinieri muss zwangsläufig über die hohe Anzahl an Impulsen auf eine dauerhaft hohe Geschwindigkeit kommen, um eine vergleichbare Leistung zu erzeugen wie andere Schwimmer. So betrachtet hat jeder der beiden Top-Athleten seinen persönlichen Weg gefunden. Doch der gilt nicht für Jedermann.

Und selbst wenn? Wüssten Sie nun, mit welcher Frequenz Sie Ihre beste Leistung realisieren würden?

Und ganz besonders gilt es für den Betrachter, genau diese Unterschiede zu erkennen. Sonst eifert man schnell einem Vorbild nach, das über völlig andere Möglichkeiten verfügt (und nebenbei seit vielen Jahren ein Wochenpensum ableistet, welches weit von dem entfernt ist, was man selber realisieren kann). Anderes Beispiel: würden wir die Lauftechnik eines Eliud Kipchoge (Anm.: Marathon-Weltrekordhalter in 2:01,39 h) nachahmen, würden wir sogar höchstwahrscheinlich eine Verletzung davon tragen, da wir die Voraussetzung für die Nachahmung seiner Lauftechnik nicht besitzen. Vorsicht also bei der Imitation!

Vorsicht vor pauschalen Empfehlungen!

Natürlich könnte man als Nachahmer eine Bahn mit 30 oder auch mal mit 40 Zügen zurücklegen. Entscheidend ist aber nicht nur die alleinige Zugzahl, sondern auch die erzielte Zeit. Nur diese Kombination gibt Auskunft über die Leistung. Und für Seiteneinsteiger gilt ohnehin die Regel, dass eine Technik, die eine etwas höhere Frequenz beinhaltet, die ökonomischere Wahl ist im Vergleich zu einem überlangen Gleiten. Denn: je höher die Frequenz desto niedriger der Krafteinsatz/Zug. Je geringer der Krafteinsatz, umso mehr schwimmt man über das “Leistungssystem” Ausdauer, d.h. Herz-Kreislauf-System. Und das ist deutlich länger leistungsfähig als die Kraftreserve.

Oder würden Sie beim mühsamen Radfahren am Berg extra in einen schweren Gang schalten, um sich Tritte zu sparen? Natürlich nicht, denn die eingesetzte Kraft würde für die Kurbelumdrehung früher oder später nicht mehr ausreichen. Sie würden umfallen! Was tun Sie also? Sie schalten in einen leichteren Gang mit höherer Frequenz und weniger Krafteinsatz pro Kurbelumdrehung. Dieses leistungsphysiologische Prinzip gilt grundsätzlich auch für das Schwimmen.

Für Mastersschwimmer könnte es mit fortschreitendem Alter und dem sukzessiven Verlust an Maximalkraft eine Überlegung wert sein, die angestammten Frequenzwerte zu verlassen und es mit einer höheren Bewegungsgeschwindigkeit zu versuchen. Denn der Abfall der Leistung im Alter läßt sich u.a. auch durch den reduzierten Kraftimpuls pro Zug, und damit einer geringeren Zuglänge, erklären. Sinkende Kraftwerte sind häufig der limitierende Faktor im Alter.

Wahl der Technik gut überlegen

Wer als Amateursportler oder Triathlet das Zurücklegen der Bahn mit möglichst wenig Zügen dauerhaft trainiert, der könnte vor allem eins trainieren: langsames und unökonomisches Schwimmen. Schließlich bremst uns der Wasserwiderstand zu jedem (!) Zeitpunkt des Schwimmens ab – ein wenig wie beim Radfahren am Berg. Fehlt es dann an spezifischer Kraft, bricht das Tempo frühzeitig ein und die Technik leidet. Ein ungünstiges Szenario. Deshalb gilt es, kritisch mit pauschalen Urteilen oder gar Empfehlungen umzugehen. Denn der kausale, offensichtliche Zusammenhang zwischen Körpergröße, Zugzahl und Leistung funktioniert in diesem Beispiel keineswegs! Ganz im Gegenteil: Europameister und Olympiasieger wählen völlig konträre Strategien.

Im Video zu Trainingsplan #54 gehen wir auf dieses Thema ein:

von Holger Lüning