Eine Frage des Trainings: Technisch gutes Schwimmen

Technik und Training gehören zusammen

Weshalb gutes Training eine gute Technik braucht

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  1. Beweglichkeit entwickeln: Mehr Reichweite pro Zug!

Strecken Sie einmal beide Arme gestreckt neben dem Kopf nach oben. Sind die Arme bei Kontakt an den Ohren wirklich gestreckt? Wenn ja, haben Sie beste Voraussetzungen für eine gute Reichweite. Probieren Sie dieselbe Übung auf dem Boden liegend in Rückenlage aus. Liegen die Arme in dieser Position gestreckt auf dem Boden, ebenso wie Ihre Wirbelsäule? Vielleicht spüren Sie mittels dieser einfachen Übung bereits, welche Defizite bei Ihnen vorhanden sind. Gehen Sie ins Hohlkreuz? Schwingen Ihre Arme über dem Boden? Bringen Sie diese Bewegungseinschränkung dann noch in eine komplette Bewegung, beeinflussen Sie unmittelbar auch andere beteiligte Systeme.

So kann verminderte Beweglichkeit im Schulterbereich durchaus dazu führen, dass bei der Überwasserbewegung der gesamte Körper in eine ungewollte Rotationsbewegung gerät. Wer beweglich ist, hebt den Arm aus dem Wasser, ohne den Rumpf in Unruhe zu bringen. Ein erheblicher Vorteil angesichts der enormen Widerstandswerte des Wassers.

Je größer Ihre Bewegungsamplitude ist, desto länger und entspannter können Sie nach vorne greifen und den Unterwasserzug ansetzen. Stehen der Bewegung verkürzte Muskeln im Wege, arbeiten Sie entweder mit hohem Energieaufwand gegen diese hemmende Wirkung. Oder aber Sie können die Technik nicht in der Form umsetzen, wie Sie sich das vorstellen. Oder noch schlimmer: obwohl Sie die Bewegung völlig korrekt abgespeichert haben, verhindert die fehlende Beweglichkeit deren erfolgreiche Umsetzung.

Nicht ohne Grund ist das Training der Beweglichkeit ein essentieller Baustein des Schwimmtrainings. Ein Trainingsbaustein, den Sie übrigens im Wasser kaum bis gar nicht trainieren können. Gute Nachricht? Sie müssen nicht immer ins Wasser springen, um Ihre schwimmspezifische Leistungsfähigkeit zu verbessern. Bauen Sie deshalb ein regelmäßiges Training der Beweglichkeit in Ihr Training ein!

  1. Werden Sie progressiv!

Im Schwimmen geht es immer darum, die Hebelkraft im optimalen Moment optimal zu platzieren. In der Unterwasserbewegung des Kraulschwimmens bedeutet dies, den Zug nach hinten verlaufend zu beschleunigen. Das Handtempo verläuft progressiv, da sich die Hebelverhältnisse zur Kraftausübung ab der Druckphase deutlich verbessern. Beschleunigen Sie deshalb die Hand- und Unterarmbewegung, um zum Ende hin kraftvoll aus dem Ellenbogengelenk gegen das Wasser zu arbeiten.

Investieren Sie zu Beginn, in der Phase des Wasserfassens und der Zugphase, zu viel Energie und vielleicht auch Aufmerksamkeit, neigt der Zug dazu, zum Ende hin immer träger zu werden. Das strengt in der Summe mindestens genauso an, bringt aber nur einen Bruchteil des Tempos. Achten Sie deshalb auf den Tempoverlauf Ihrer Hand.

Womöglich werden Sie bei einer Modifizierung Ihrer Technik nun eine deutliche Beanspruchung Ihres Trizeps- und Latissimus-Muskels spüren. Das könnte ein Hinweis darauf sein, dass Sie nun die Muskeln aktivieren, die Ihnen Vortriebsimpulse bringen. Und ein weiterer Aspekt kommt nun hinzu: kräftigen Sie die schwimmspezifische Muskulatur durch ein adäquates Landtraining.

  1. Schwingen statt Trödeln

Überwasser muss man sich ausruhen! Schnell verselbstständigt sich jedoch das Sinnen nach Erholung in der Rückholphase. Dann benötigt das Vorschwingen des Arms in die Eintauchposition nach vorne plötzlich viel mehr Zeit, als er eigentlich zur Verfügung hat! Eine echte Baustelle, die Sie sich sehr genau ansehen sollten, denn hier ist Potenzial vorhanden.

Ganz häufig wird die Rhythmik der Gesamtbewegung nämlich nicht nur durch die Qualität der Unterwasserbewegungen bestimmt. Achten Sie auf eine zügige Überwasserphase! Benötigen Sie übermäßig Zeit, um den nachfolgenden Zug anzusetzen, verzögert das die Bewegung, was beispielsweise auch den Atemvorgang behindern könnte. Sie möchten sich gerne schneller bewegen, hindern sich aber durch die träge Überwasserbewegung selber an der Ausführung. Damit finden Sie sich in einem koordinativen Korsett wider, das es Ihnen nicht mehr erlaubt, deutlich schneller schwimmen zu können. Sie limitieren sich selber!

Schwingen Sie deshalb zügig und dynamisch nach vorne. Im Training können Sie verschiedene Varianten ausprobieren und das Optimum für sich ermitteln. Obwohl scheinbar Überwasser nicht viel passiert, könnte genau diese Phase der Grund für manche Leistungsstagnation sein.

Fazit:

Schwimmen ist eine komplexe Sportart mit vielen Aspekten hinsichtlich technischer Fehlerquellen. Jedes technische Defizit beeinflusst im Regelfall wiederum andere Bereiche. So betrachtet, gibt es nur in wenigen Fällen den einen Fehler. Vielmehr gilt es aufmerksam zu analysieren, wo Sie gezielt und erfolgreich ansetzen können. Solange Ihre Baustellen in Bewegung sind, sich also in einem Prozess befinden, gibt es alle Chancen für eine Verbesserung. Und wie Sie gesehen haben, liegen die Chancen nicht immer nur im Pool. Das bedeutet: Sie können sofort mit der Arbeit beginnen. Verlieren Sie dabei nie den Spaß aus den Augen, denn er verleiht Ihnen die mit Abstand schlagkräftigste Eigenschaft – und die benötigt auch ein Olympiasieger: Lockerheit!

(Foto: Michael Lapp, snap-pix.de)