Was ist wichtiger für Spitzenleistungen: Talent oder Fleiß?

Als die Reporter Michael Phelps 2008 nach dem Gewinn seiner acht Goldmedaillen bei den Olympischen Spiele auf sein außergewöhnliches Talent ansprachen, entgegnete der Superstar nicht selten, dass es vielmehr das Ergebnis eines unglaublich harten Trainingsprozesses sei. Und dann erfuhr man, was wirklich hinter einem großen Champion steckt. Nämlich als er verriet, in den drei Jahren vor Peking tatsächlich an jedem Tag des Jahres trainiert zu haben.

365 Tage in drei Jahren und damit an jedem einzelnen Tag zu trainieren (also über 1.000 zusammenhängende Trainingstage), ist nicht nur Ausdruck eines enormen Willens und fast unglaublicher Disziplin. Es wirft auch die Frage auf, was für das Erreichen absoluter Top-Leistungen mehr förderlich ist: Disziplin und Wille oder aber das Vorhandensein von außergewöhnlichem Talent.

Die 10.000-Stunden-Regel

Darüber streiten sich die Experten schon seit Jahren. Und es kristallisiert sich eine interessante These heraus. Besonders, wenn man sich die Karrieren von sogenannten Jahrhunderttalenten, natürlich auch außerhalb des Sports ansieht, erkennen Wissenschaftler ein sich wiederholendes Muster. Das Muster der sogenannten 10.000-Stunden-Regel.

Sieht man sich beispielsweise Sportler an, die ihren Sport weltweit leistungsmäßig auf ein neues Level gehoben haben, so wird immer wieder deutlich, dass diese Sportler schon in sehr jungen Jahren Top-Leistungen auf hohem Niveau erzielt haben. Doch sei das nach Meinung der Wissenschaftler auch nicht weiter verwunderlich, da diese Sportler schon im Kindesalter enorme Trainingsumfänge geleistet hätten und damit fast zwangsläufig überragende Leistungen vollbringen müssten.

Von Tiger Woods bis Steffi Graf

So kennt man von Golfstar Tiger Woods Videos, die ihn schon als Kind mit einem Golfschläger beim Training zeigen. Ähnliche Bilder kennt man z.B. von Steffi Graf und anderen Superstars des Sports. 10.000 Stunden Übung seien nämlich notwendig, um eine Leistung auf absolutem Top-Niveau abliefern zu können, so das Ergebnis vieler Untersuchungen. Ganz gleich ob Sport, Kunst oder andere Lebensbereiche – das entspricht ca. zehn Jahren Trainings- und Übungszeit..

Diese Untersuchungen zeigen auch bei einem Wunderkind wie Wolfgang Amadeus Mozart, dass es fast keine Ausnahme von dieser Regel gibt. Zwar waren seine Leistungen rein vom kalendarischen Alter her eine Sensation. Betrachtet man jedoch die Zeit der Übung, die für das Erreichen dieser Leistung notwendig waren, stellen sich diese als das logische Ergebnis eines langen Übungsprozesses dar, so die Wissenschaftler.

Es ist nie zu spät

Auf der einen Seite bedarf es demzufolge eines frühen Einstiegs in das strukturierte Üben einer Tätigkeit. Auf der anderen Seite lässt aber auch ein später Beginn das Erreichen einer Spitzenleistung zu. Nämlich dann, wenn man beharrlich an seinem Können arbeitet. Insofern ist es grundsätzlich – fast – nie zu spät. Doch es gehört, selbstredend neben dem durch die Natur gegebenen Vorteil von begünstigenden Körpermerkmalen, noch etwas mehr dazu, ein Champion zu werden.

Spitzenkönner zeichnen sich vor allem dadurch aus, dass sie in der Lage sind, sehr viel härter trainieren zu können und sich folgerichtig deutlich häufiger an der Schwelle ihrer Leistungsfähigkeit befinden. Oder um es wie der britische Autor Matthew Syed („Was heißt schon Talent?“, Riemann Verlag) auf den Punkt zu bringen: Spitzenkönner besitzen die Eigenschaft, sich tendenziell im Training häufiger willentlich zu überfordern als andere und damit das Scheitern gewissermaßen als Generalprobe geradezu zu provozieren.

Spitzenkönner provozieren das Scheitern

Für Trainer bedeutet das, genau diese Fähigkeit bei ihren Schützlingen wachzurütteln und/oder sie bei den Sportlern zu entdecken. Es scheint, als sei diese Eigenschaft ein Schlüssel zum Erfolg. Ganz gleich auf welchem Leistungsniveau sich der Sportler gerade befindet.

Bedeutet das für die Eltern sportbegeisterter Kinder nun, ihre Kinder möglichst früh an sehr hohe Trainingsumfänge zu gewöhnen? Sicher nicht, denn ein weiteres Charakteristikum wird bei Betrachtung der Topstars deutlich: der Wille und die Disziplin muss aus den Sportlern selber kommen, die sogenannte intrinsische Motivation. Natürlich spielt aber auch das Umfeld immer eine große Rolle, wenn es um Motivation geht. Wie in jeder frühen Entwicklungsphase spielt auch hier das Thema der Nachahmung eine bedeutende Rolle. Da, wo Begeisterung für etwas vorgelebt wird und die Unterstützung von Eltern, Familie, Freunden und Trainern vorhanden ist, wird die notwendige Basis für Top-Leistung geschaffen.

Begeisterung auch nach 10.000 Stunden

Man kann diese Umgebung nicht künstlich erzeugen. Man kann aber sehr wohl mit gutem Beispiel vorangehen und authentisch genau das vorleben, was man bei anderen Menschen erzeugen möchte: Begeisterung! Am besten beginnen Sie sofort und hören auch nach 10.000 Stunden nicht damit auf – ganz gleich, ob Sie sich selber oder andere motivieren wollen.


von Holger Lüning

 

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