Kraftkonzept: Weshalb wir Maximalkraft trainieren müssen

Maximale Leistung dank Maximalkrafttraining?

Oder: warum Land-Training anders sein muss als Wasser-Training

Stellen Sie sich vor, Sie könnten den Härtegrad des Wassers für sich bestimmen, sich dann kraftvoll davon abdrücken und schneller schwimmen. Interessanter Gedanke? Es ist möglich.

„Wir haben in der Vergangenheit immer wieder festgestellt, dass wir athletisch nicht auf Augenhöhe mit den führenden Nationen sind“, sagte Bundestrainer Henning Lambertz nach den Olympischen Spielen in Rio. „Aber das, was wir angestoßen haben, ging entweder nicht lang genug oder war nicht richtig.“ Zeit für neue Ansätze?

Schon am Rande der Qualifikationswettkämpfe für Rio hatte der Bundestrainer die Diskussion mit einem Vergleich entfacht, der nicht bei jedem Athleten gut ankam. Besonders die Leistungslücke der deutschen Frauen auf den kurzen Kraulstrecken erklärte Lambertz damit, dass sie im internationalen Vergleich aussähen „wie kleine, dünne Models, aber nicht wie Sportlerinnen“. Im Anschluss an die Olympischen Spiele am Zuckerhut wurde er noch etwas konkreter: „Wir haben aktuell vielleicht drei oder vier Athleten, die die Grundvoraussetzung erfüllen würden, in die britische Nationalmannschaft kommen zu können.“ Quo vadis, deutscher Spitzenschwimmspor? Der Lösungsansatz folgte prompt.

Braucht der Schwimmer Kraft?

Eine der ausgegebenen Rettungsaktionen war die Konzentration auf die athletischen Fähigkeiten, die vor allem außerhalb des Beckens erworben werden sollten. Das neue Kraftkonzept des Deutschen Schwimm-Verbandes soll die Rückkehr der deutschen Schwimmer in den internationalen Spitzenbereich ermöglichen. Was ist der Kern des neuen Konzeptes? Brauchen Schwimmer mehr Kraft? Was können Sie für Ihr Training daraus ableiten? Oder anders gefragt: wie neu ist der Ansatz überhaupt?

In den vergangenen Jahren wurde die athletische Ausbildung in den Fitnessräumen der deutschen Top-Schwimmer vor allem über das Training der Kraftausdauer durchgeführt. Dies sind Trainingsformen, die Wiederholungen von bis zu 25 Stück vorsehen, um den Muskel weitestgehend zu erschöpfen. Ziel des Trainings sollte es sein, die Leistungsanforderung der verschiedenen Wettkampfstrecken zu simulieren und den Sportler damit optimal auf die zu erbringende Leistung vorzubereiten. Funktioniert hat das offenbar nicht ganz so gut.

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Andere Nationen machen es vor

Dass andere Nationen in den vergangenen Jahren, ja fast Jahrzehnten, an den deutschen Schwimmern vorbeizogen, mag auch seinen Grund in der Herangehensweise an das Krafttraining haben. Schließlich ist das Schwimmen zwar von außen betrachtet eine Sportart, die weitestgehend über die Fähigkeit einer guten Kraftausdauer bestimmt wird. Blickt man einmal in die Strukturen der motorischen Fähigkeit Kraft sowie der Spezifik der Sportart, sind jedoch ganz andere Potenziale und Grundsätze zu erkennen, die für Schwimmer aller Leistungsklassen gleich sind. Lagen andere Nationen mit ihrem Ansatz des Maximalkrafttrainings deshalb besser?

Krafttraining im Wasser nicht möglich

Das Wasser hat nämlich eine Eigenart, die es unmöglich macht, im Wasser ein echtes Krafttraining durchzuführen. Deshalb ist das Landtraining unverzichtbar. Sie kennen das selbst. Sie können sich noch so anstrengen, ganz gleich ob bei einem 25-Meter-Sprint oder einem 1.500-Meter-Rennen, doch sie werden niemals aus dem Wasser gezogen werden müssen, weil sie sich nicht mehr über Wasser halten können. Eine Spezifik, die es fast nur im Schwimmsport gibt und zeigt, dass es nicht umsetzbar ist, Intensitäten oder Widerstände zu erzeugen, die den Sportler in den Belastungsbereich bringen, der zu einer Anpassung der Maximalkraft führt. Genau diese Fähigkeit ist aber die Grundvoraussetzung dafür, den Druck des Wassers für sich nutzen zu können.

Ein Beispiel, welches das Prinzip des Abdrucks im Wasser verdeutlicht. Stellen Sie sich vor, von einem Einmeterbrett einen Bauchplatscher zu machen, also mit ausgestreckten Armen und Beinen flach auf das Wasser aufprallend. Vielleicht zieht sich bereits bei der Vorstellung dieser Situation ihr Magen zusammen. Denn Sie wissen: das tut ordentlich weh. Nun gehen Sie gedanklich auf den Zehnmeterturm, nehmen allen Mut zusammen, und tun dasselbe aus der zehnfachen Höhe. In der Realität wäre das Ergebnis verheerend und höchstwahrscheinlich mit einem Krankenhaus-Besuch verbunden. Was soll Ihnen dieser Vergleich aber nun über das Leistungsschwimmen sagen?

Im Kern ist es ganz einfach. Denn das Wasser, auf das Sie getroffen sind, war in beiden Fällen dasselbe. Niemand hat eine Änderung des Wassers vorgenommen. Oder doch? Ja, denn Sie haben mit der deutlich höheren Aufprallgeschwindigkeit den Härtegrad des Wassers extrem verändert! Je höher die Druckgeschwindigkeit auf das Wasser ist, desto härter wird es. Ein wichtiges Prinzip, wenn es um schnelles Schwimmen geht. Folgerichtig sorgt ein schneller Zug mit kurzem Impuls für einen größeren Gegendruck des Wassers. Ein Momentum, welches wichtig ist, um einen Abdruck und daraus folgend Geschwindigkeit zu generieren. So einfach ist das Prinzip. Und dazu benötigen Sie vor allem eine Eigenschaft. Kraft … und zwar Maximalkraft, um einen schnellen Kraftanstieg leisten zu können.

Im nächsten Artikel geht es in die Theorie der Hydrodynamik und der spezifischen Eigenschaften des Wassers. Und plötzlich wird sehr deutlich, weshalb das Land-Training anderen Gesetzen folgen muss als das Wasser-Training. Dazu gibt es viele Tipps zum Krafttraining.

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Ohne Maximalkraft geht es nicht! Die hydrodynamischen Hintergründe und Trainingstipps

Von Holger Lüning