Training: Lernen von den Besten der Welt

Was man vom Spitzensport lernen kann

Schneller werden durch Beobachtung?

Zugegeben, die Leistungen der Eliteschwimmer liegen weit außerhalb der Möglichkeiten eines Amateur- oder Hobbyschwimmers. Dennoch kann man sich ein paar Dinge abschauen, die mitunter gar nicht immer im Pool liegen.

Von Holger Lüning

Gut 70 Kilometer ist Michael Phelps in seiner trainingsintensivsten Zeit geschwommen – pro Woche! Eine Umfangsangabe, die einem Läufer schon sehr gut zu Gesichte stehen würde. Und der würde sich dabei auch schon weit von der Trainingsquantität eines Hobbyläufers entfernen. Aber im Wasser? Das ist sicherlich nochmals eine ganz andere, nicht nur körperliche Herausforderung. Ohne eine klare und fokussierte Ausrichtung ist diese Trainingsleistung allein schon psychisch grenzwertig. Doch wahrscheinlich ist genau diese Komponente am Ende entscheidend, wenn es um Hundertstelsekunden geht. Aber was hat das mit mir zu tun, fragen Sie sich vielleicht gerade? Viel mehr als man vielleicht im ersten Moment denken mag.

Ganz gleich ob man als jugendlicher Schwimmer auf dem Weg in den Spitzenbereich ist, als Mastersschwimmer regelmäßig bei Wettkämpfen auf dem Startblock steht, als Triathlet oftmals mehrstündige Rennen bestreitet oder Sie aus purer Lust am Schwimmen ins Wasser steigen. Eines ist doch allem gemein: da lodert die Leidenschaft für eine Sache und der Wunsch nach einer guten persönlichen Leistung treibt immer wieder an. Wer könnte da besser als Vorbild taugen als die Top-Athleten der Sportart?

Anschauungsunterricht nutzen

Sehen Sie deshalb genau und regelmäßig zu, wenn jemand etwas ganz besonders gut kann. Im Sport gehört das fast zur Pflicht und kann demzufolge sogar ein Trainingsinhalt sein. Entweder wenn man sich über bewegte Bilder, z.B. olympischer Endläufe, motivieren oder das sogenannte observative Lernen als konkretes Trainingsmittel einsetzt.

Genau dann nämlich entfaltet das gezielte Beobachten eine enorme Wirkung. Psychologen haben erkannt, dass wir eine Art Reflektor besitzen, der solche Momente sehr bewusst wahrnimmt, obwohl wir es mitunter selber gar nicht bemerken. Spiegelneuronen heißen diese Empfangsstationen im Gehirn. Sie werden aktiv, wenn man eine Szenerie betrachtet, die eine bestimmte individuelle Reizschwelle überwindet. Dann kann es passieren, dass sich Ihr Gesicht verzieht, wenn Sie jemandem bei einem Biss in eine frische Zitrone zusehen oder das Glück oder Unglück anderer Menschen Ihnen Tränen in die Augen treiben, obwohl es Sie selber gar nicht betrifft. Im Sport nutzt man diese Mechanismen, um Bewegungsabläufe einzustudieren oder sich mit Formen des mentalen Trainings quasi den Siegeswillen und die Zuversicht in sich aufsaugen.

Training ohne Bewegung?

Und es kommt noch besser. Die Wahrnehmung kann sogar dazu führen, dass die bei der beobachteten Szene aktivierten Muskeln bei Ihnen selber aktiviert werden. Der englische Naturwissenschaftler William Benjamin Carpenter hat diesen Zusammenhang bereits im Jahre 1852 mittels elektrophysiologischer Untersuchungen bewiesen. Beim Carpenter-Effekt kommt es also vor, dass Ihre Schwimmermuskeln unbemerkt zucken, obwohl Sie nur Zuschauer eines Rennens sind. Fazit: schauen Sie sich immer wieder Videos und Live-Rennen von Sportlern an, die Ihre Sache beherrschen und Sie lernen dabei, Ihre eigene Technik zu verbessern.

Doch über die Beobachtung hinaus gibt es eine Fülle von sehr konkreten Ansatzpunkten, die Sie als Schwimmer oder Triathlet von den Spitzenkönnern lernen können. Blicken wir nur einmal zwei Jahrzehnte zurück, so wird deutlich, wo der Schwimmsport eine enorme Entwicklung erlebt hat. Waren die Weltklasseschwimmer in den Achtziger- und Neunzigerjahren noch lang, schlaksig mit enormen Hebeln ausgestattet, so ist der Spitzenschwimmer der neuen Generation muskulär deutlich anders ausgeprägt. Einfach gesagt: der Schwimmsport hat sich vom Ausdauersport zum Kraftsport entwickelt. Die Bedeutung der Kraft hat das Training neu strukturiert. Das systematische Training im Kraftraum besitzt gestiegene Relevanz für die Effektivität des Vortriebs und der Stabilisation der Wasserlage.

Echte Chancen für jeden Schwimmer. Nicht nur die Chance auf Bestzeiten, sondern auch auf eine bessere Schwimmtechnik und die Aussicht, die Leistung im gestiegenen Alter besser konservieren zu können. Und nicht unwichtig dabei: den Spaß an der Sache zu erhalten, weil das Training an Abwechslung gewinnt.

Im zweiten Teil widmen wir uns den konkreten Trainingsmethoden, die Sie zum Einsatz bringen können.