Bestleistungen dank Fehlinformation?

Sport und Leistung: Kopfsache

Ich denke also bin ich

Mens sana in corpore sano. Gesunder Geist in einem gesunden Körper.

Im Sport gilt das Motto ebenso – mit ein paar strategischen Modifikationen.

Wer von Sport spricht, der spricht auch immer von Gesundheit. Und jeder passionierte Sportler weiß, wie wohl man sich nach einer Trainingseinheit fühlt. Die Wechselwirkung von Körper und Geist ist unumstritten, auch wenn der französische Philosoph René Descartes (1596-1650, „Ich denke, also bin ich.“) hartnäckig seine Überzeugung vertrat, dass es sich um zwei geteilte Einheiten handele.

Auch wenn sich diese Theorie des Rationalismus mitunter noch immer findet, weiß man, wie wichtig die bewusste Interaktion zwischen Gehirn und Körper ist. Und spätestens wenn man beim leistungsorientierten Sport angelangt ist, wird die Tragweite deutlich, die mit dieser Interaktion verbunden ist. Denn sie sollte nicht von Zufall, sondern von zielgerichteter Strategie geprägt sein.

Gehirn steht in der Hierarchie über dem Körper

Dazu muss es gar nicht erst zum Wettkampf mit sich oder anderen kommen, um zu realisieren, welche Bedeutung die Befehlszentrale auf die Funktion der Organe hat. Man möchte fast meinen, das Gehirn steht in der Hierarchie der Entscheidungen, ob, wie lange und vor allem wie hoch wir uns als Sportler belasten oder sogar ausbelasten weit über dem Körper als Entscheidungsträger. Und dazu gibt es einige interessante Untersuchungen, die Ihnen die Weg aufzeigen könnten, wie Sie Ihre Leistung zukünftig noch besser steuern können. Schauen wir uns eine Studie an.

Studie

Zwei Sportlergruppen wurden einer Untersuchung unterzogen, wobei eine Gruppe vor einem Ergometer-Test einen unterhaltsamen Film ansah und die andere Gruppe einen herausfordernden Reaktionstest absolvierte. In der anschließenden Belastung brach die Reaktionstest-Gruppe den Sporttest 15% früher ab als die Film-Gruppe im Vergleich zu ihren jeweiligen individuellen Vergleichswerten. Daraus schlossen die Wissenschaftler die folgende Erkenntnis. Offenbar führt eine vorherige Ermüdung des Gehirns zu einer Drosselung der körperlichen Leistungsabgabe. Dies lässt wiederum die Vermutung zu, dass das Gehirn bei eigener Ermüdung nicht mehr in der Lage ist, den Organismus bis in die hohen Intensitätsbereiche zu steuern.

Ist das Gehirn ermüdet, ist der Sportler nicht mehr in der Lage, seine Potenziale auszuschöpfen? Die zentralen Strukturen, so die Wissenschaftler, sichern zunächst die eigene Tätigkeit und die dafür notwendige Energie ab. Somit hat das Gehirn ständig abzuwägen, wie viel Energie es selber benötigt und wie viel Energie für die physiologische Leistungserbringung bereitgestellt werden kann.

Das Gehirn plant ständig – aber nicht immer optimal

Das Gehirn plant somit ständig und ist damit beschäftigt, die vorhandenen Ressourcen mit den zukünftigen Anforderungen abzugleichen. Ein interessanter Ansatz, der die Frage aufwirft: Wenn ein Sportler am Ende des Wettkampfs noch in der Lage ist, einen Endspurt anzusetzen, hat sich das Gehirn verkalkuliert? Wäre es dann nicht besser gewesen, das Tempo früher anzuziehen?

Festgestellt wurde zudem, dass bis zu einer Wettkampfdauer von ungefähr zwei Minuten das Tempo stetig abfällt. Im Schwimmsport entspricht das der Distanz von 200 Metern, in der Leichtathletik beispielsweise den 800 Metern. Bei allen Weltrekorden über die zwei Stadionrunden war die zweite Runde immer die langsamere der beiden. Sieht man sich jedoch die 1.500 Meter in der Leichtathletik an, so fällt auf, dass bei allen Weltrekordern der vergangenen 50 Jahren jeweils die letzte Runde die schnellste war. Eigentlich paradox, möchte man meinen.

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Verpokert in der Renntaktik?

Ein Blick in die Renngestaltung im Schwimmen zeigt, wie sich die taktischen Varianten ähneln. Bereits ab der 400-Meter-Strecke werden häufig zwei gleich schnelle Hälften geschwommen, nicht selten sind die zweiten 200 Meter etwas sogar schneller. Auf den Langstrecken über 800 und 1.500 Meter findet man im Regelfall deshalb sogenannte „negative Splits“, also eine deutlich schnellere zweite Rennhälfte. Klassisch verpokert oder genau richtig taktiert? Eine interessante Frage.

Vielleicht liegt die Ursache bereits im Training. Sieht man sich eine Leistungsdiagnostik an, so werden hier mittlerweile sehr umfangreiche Datensätze gewonnen, die über die Leistungsfähigkeit des Sportlers Auskunft geben sollen und zukünftige Trainingsmaßnahmen offenbaren. Doch abgesehen von Herzfrequenz, Laktat  und anderen Parametern fließt ein wichtiger Faktor nicht in die Bewertung ein – da er sich nicht messen lässt: die Willenskraft!

Softskills einbeziehen

Und plötzlich stehen Sportler, Trainer und Wissenschaftler an einem Punkt, wo man mit dem Rechenschieber nicht mehr weiterkommt. Vielmehr gilt es nun, die „weichen Parameter“, die Softskills, zu erkennen und zu entwickeln. Hier kommen Faktoren wie Kommunikation und Empathie ins Spiel. Fähigkeiten, die kaum ein Trainerlehrgang vermittelt. Und vielleicht ist genau das der Grund, weshalb es Trainer gibt, die vielleicht nicht über das größte trainingsmethodische Knowhow verfügen und dennoch hervorragende Sportler hervorbringen.

Das erklärt die vielen Beispiele von Trainer-Sportler-Beziehungen, die von der Jugendzeit bis in den Erwachsenenbereich hinein andauern. Das Verhältnis von Michael Phelps zu seinem Trainer Bob Bowman ist solch ein Vorzeige-Team, das zeigt wie wichtig die Komponente der Beziehung zueinander zu bewerten ist. Gleichzeitig ist der beste Trainer für den einen Sportler eben aber auch nicht unbedingt der beste Trainer für einen anderen Sportler, wie das Beispiel von Yannic Agnel, Olympiasieger 2012 über 200 Meter Freistil, zeigt. Der wollte in der Trainingsgruppe von Bowman zu weiteren Leistungssprüngen ansetzen, konnte dies aber zu keiner Zeit umsetzen. Die Folge: er ging zurück in die Heimat.

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Dynamik durch die Trainingspartner

Training ist also viel mehr als Zahlen, Daten und Fakten. Doch wie gelingt einem Sportler, besonders wenn er häufig alleine trainiert, der Zugriff auf diese Ressourcen? Denn im Regelfall ist es schwierig, sich aus den gewohnten Rhythmen heraus zu bewegen. Das Training in Gruppen zeigt deshalb immer wieder, wie wichtig es ist, ständig Impulse von außen zu erhalten. So ist die Bedeutung eines „Zugpferds“, d.h. einem überragenden Schwimmer und einer überragenden Schwimmerin in einer Trainingsgruppe, gar nicht hoch genug einzuschätzen. Genau an diesem Vorbild können sich nämlich alle anderen orientieren und somit ihre eigenen Grenzen verschieben. Dieses Phänomen beobachtet man seit Jahren besonders in kleineren Vereinen, in denen urplötzlich eine Handvoll hoffnungsvoller Athleten erscheint.

Doch nicht nur in Vereinen ist diese Tendenz zu beobachten. Auch in einigen Nationalteams wird das Training in den passenden Gruppen von einer besonderen Dynamik begleitet. Wenn die besten Brust-, Lagen- oder Kurzstreckenschwimmer in Gruppen trainieren, muss sich nicht nur der Körper durch das competitive Training adaptieren, sondern auch das Gehirn stellt fest, dass hier die Ressourcen etwas großzügiger verteilt werden müssen, um das Tempo der anderen zu halten – oder sogar darüber hinaus zu gehen.

Einfach gesprochen: der Kopf muss wissen, um was es geht!

Von Holger Lüning

Das passende Video zum Thema:

Wo liegen denn eigentlich die individuellen Leistungsgrenzen, die Limits? Die Frage ist fast einfach zu beantworten: genau dort, wo du sie ansetzt! Das Placebo-Paradox beschreibt klar und unmißverständlich, wie schnell wir “Opfer” unserer eigenen Erwartungen werden können. Wichtiger aber: die Lage zu durchschauen und sie für sich zu nutzen. Dann heißt es: NO LIMITS!